Der Aktienmarkt hat die zu Beginn dieses Jahres in ihn gesetzten, hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt. Die im August 1982 begonnene Aufwärtsbewegung setzte sich nur bis zum Februar 1984 fort. Damals erreichte der deutsche Aktienmarkt historische Höchstkurse. Seitdem geht es unter Schwankungen abwärts. Nach dem Commerzbank-Index haben die deutschen Aktienkurse im ersten Halbjahr 3,4 Prozent eingebüßt.

Die Gründe für die Klimaverschlechterung sind vielfältig. Im Vordergrund steht die Zinsentwicklung. In den USA sind die Bonds zu einer echten Konkurrenz zu den Aktien geworden. Institutionelle Anleger ziehen dort eine sichere Verzinsung von 12 bis 14 Prozent vor, anstatt auf eine neue Aktienhausse zu warten. Die Zuversicht, daß ein Präsidentenwahljahr auch ein gutes Börsenjahr werden muß, ist inzwischen weitgehend geschwunden. Immerhin ist wohl sicher, daß die Großanleger inzwischen über einige Milliarden Dollar liquider Mittel verfügen, so daß Voraussetzungen für bessere Wall-Street-Kurse von dieser Seite durchaus vorhanden sind. Ob das Geld zum Aktienkauf eingesetzt wird, ist ausschließlich eine Sache des Vertrauens in die wirtschaftliche Entwicklung.

Daß Anlagen in der Bundesrepublik in den Augen der Ausländer an Vertrauen verloren haben, ist nach den Arbeitskämpfen in der Metall- und Druckindustrie nicht verwunderlich. Streiks um eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Wochenstunden stoßen bei ausländischen Investoren auf keinerlei Verständnis. Ob sie, die über mehrere Monate lang ihre Wertpapierkäufe in der Bundesrepublik gestoppt hatten, jetzt zurückkehren werden, muß abgewartet werden. Es gibt dafür einige hoffnungsvolle Anzeichen. Große institutionelle Anleger in den USA sind, wie von Banken berichtet wird, weiterhin auf eine regionale Risikostreuung ihrer Gelder eingestellt und beabsichtigen angeblich, neben Schweizer Aktien auch weiterhin erstklassige deutsche Papiere in ihre Portefeuilles zu nehmen.

Dies hat allerdings zur Voraussetzung, daß die konjunkturelle Entwicklung in der Bundesrepublik positiv verläuft. Daß die Wachstumsrate in diesem Jahr streikbedingt am unteren Ende der Prognosen liegen wird, scheint nicht tragisch genommen zu werden, weil daraus eine Verlängerung des „Aufschwungs“ konstruiert wird. Dies versuchen die deutschen Banken ihren ausländischen Kunden zur Zeit zu verdeutlichen.

Ob das gelingt, dürfte nicht zuletzt von der innenpolitischen Situation abhängen. Die Wahlergebnisse zeigen, daß die Parteien der Regierungskoalition in der Bevölkerung längst nicht mehr so fest verankert sind, wie dies das Ergebnis der letzten Bundestagswahl anzuzeigen schien. Die Aussicht auf eine „rot/grüne“ Koalition im Jahre 1987 beeinflußt im übrigen nicht nur bei den Ausländern die Anlageentscheidungen. Auch im Inland ist die Aktieneuphorie weitgehend geschwunden. Große Versicherungsgesellschaften machen kein Hehl daraus, seit Jahresbeginn ihre Aktienbestände kontinuierlich verringert zu haben.

Nun ist es sicherlich falsch, heute am Aktienmarkt alles schwarz in schwarz zu malen. Es gibt nämlich auch durchaus positive Aspekte. Da ist einmal der Ertragsanstieg bei zahlreichen großen Gesellschaften. Selbst wenn wegen streikbedingter Ausfälle in dem einen oder anderen Falle Abstriche an den bisherigen Gewinnschätzungen gemacht werden müssen, so besteht kein Zweifel, daß erstklassige deutsche Aktien international gesehen preiswerter geworden sind.

Das gilt besonders für die Titel der deutschen Großchemie, deren Kurse sich im ersten Halbjahr 1984 trotz sich abzeichnender Dividendenerhöhungen und einer anhaltend guten Geschäftslage um sechs Prozent ermäßigt haben. Die hohen Umsätze in BASF-, Bayer- und Hoechst-Aktien lassen erkennen, daß es Anleger gibt, die mit einem neuen Kursaufschwung in diesen Papieren während der zweiten Jahreshälfte rechnen.