In Beirat hat die reguläre Armee des Libanon im Namen der Regierung der nationalen Einheit die Kontrolle übernommen. Der neunjährige Bürgerkrieg scheint wenigstens für die libanesische Hauptstadt beendet.

Die Milizen der Bürgerkriegsparteien zogen ihre schweren Waffen aus der Hauptstadt ab und räumten ihre Stellungen für Soldaten der „erneuerten“ Armee. Der neue Chef der regulären Streitkräfte, General Michel Aoun, unterstrich in seinem Tagesbefehl die Bedeutung des Vorgangs: „Ihr übernehmt wieder die Verantwortung für die Sicherheit von Groß-Beirut, weil wir keine andere Wahl haben als die Legalität.“

Die „Legalität“ beschränkt sich vorerst auf die Hauptstadt und ihre Vororte: Die Soldaten der Regierung kontrollieren mit der Hauptstadt weniger als ein Prozent der Fläche des Staates; drei Viertel der Bevölkerung leben außerhalb des Beiruter Raums, auf dem die Versöhnung der Libanesen anfangen soll. Das jedenfalls hatten die verfeindeten Volksgruppenführer Ende März beschlossen.

In der Zwischenzeit haben sie nach ermüdenden Machtkämpfen um die Schlüsselpositionen eine Koalitionsregierung gebildet, der alle wichtigen Partei- und Milizenführer angehören. Die Armeeführung ist reorganisiert worden: Der Maronit Aoun ist von drusischen, schiitischen und sunnitischen Offizieren eingerahmt. Eine einheitliche Truppe ist dadurch keineswegs entstanden. Im bislang von den muslimischen Milizen kontrollierten Westen Beiruts haben jetzt muslimische Soldaten die Stellung übernommen; im christlich dominierten Osten walten Einheiten mit christlichen Soldaten. Organisatorische Schwierigkeiten und gegenseitiges Mißtrauen verzögerten die längst vereinbarte Wiedereröffnung von Flug- und Seehafen um mehrere Tage: Die Christen fürchteten um die Sicherheit ihrer Leute auf der Zufahrt zum Flughafen im Westen der Stadt, Über 400 Bürgerkriegstote in Beirut in den viereinhalb Monaten, die seit dem Abkommen von Lausanne verstrichen sind, lassen jede Seite am Friedenswillen der traditionellen Gegner zweifeln.

Die Abwicklung des Friedensplans für Beirut stieß auf ein weiteres Hindernis: Demonstranten, darunter viele Frauen und Kinder, die Übergänge zwischen den beiden Teilen der Stadt bislang blockierten. Sie fordern die Freilassung der vielen im Bürgerkrieg verschleppten und gefangenen Menschen. Nach eigenen Angaben haben die Milizen zusammen etwa tausend Geiseln und andere Gefangene in ihrer Gewalt; aus dieser Zahl läßt sich, schließen, daß weit mehr vermißte Libanesen in der Gefangenschaft ermordet wurden. Die Angehörigen der Verschwundenen demonstrierten einträchtig; die Mehrheit allerdings gehört zu den muslimischen Volksgruppen, und auf das Konto der maronitischen Phalange gehen wahrscheinlich die meisten Morde an Gefangenen. Die Phalange behauptete prompt, die Proteste der Angehörigen seien eine Machenschaft der kleinen Kommunistischen Partei; Präsident Gemayel freilich, dessen Vater Pierre heute noch vom Krankenbett die Phalange führt, mußte die Einrichtung eines unabhängigen Gerichtshofs versprechen, der das Schicksal der Verschwundenen aufklären soll.

Wie weit der Weg zum Frieden in Libanon noch ist, zeigen drei Vorfälle, die alle an dem Tag bekannt wurden, an dem der Beiruter Flughafen seinen normalen Betrieb wiederaufnahm:

– Im Osten des Landes, im Herrschaftsgebiet der Vormacht Syrien, ließen militante Schiiten erst nach Tagen den aus Beirut verschleppten libyschen Geschäftsträger auf Druck des syrischen Präsidenten Assad frei. Die radikalen schiitischen Gruppen, die einige der blutigsten Anschläge des Bürgerkriegs ausführten, sind in der Koalitionsregierung nicht vertreten und bleiben ein wichtiger Störfaktor.