Von Roland Kirbach

Dortmund / Bochum

Wenn der dreijährige Oliver vom Spielplatz nach Hause kommt, dann fragt ihn seine Mutter zuweilen, ob er in der Sandkiste wieder „Kuchen backen“ gespielt habe. Vor allem will sie wissen, ob er den „Kuchen“ auch gegessen habe. Das, so bleuen Marita und Hans-Dieter Kaminski ihrem Sohn ein, dürfe er nämlich auf keinen Fall. Der Grund für das strenge elterliche Verbot: Die Erde auf dem Spielplatz und rund um das Haus der Kaminskis ist hochgradig verseucht.

„Riechen Sie mal“, sagt Hans-Dieter Kaminski und hebt den Gullydeckel im Keller seines neuen, schmucken Eigenheims hoch. Faulig riechende Schwaden steigen empor. Nebenan, im Bastel- und Hobbyraum, hat der Hausherr einen regelrechten Ginschrank eingerichtet, voll von Wässerchen und Erdproben, alle während der Aushub-Arbeiten an seinem Haus gesammelt. Jede Probe schillert in einem anderen Farbton, und angesichts der Vielfalt der Essenzen fällt die Entscheidung schwer, welche denn am übelsten stinkt.

Lieber heute als morgen würden die frischgebackenen Eigenheimbesitzer ihr Domizil wieder aufgeben. Doch da, wo die Kaminskis wohnen, in der Dortmunder Neubausiedlung Dorstfeld-Süd, möchte niemand mehr hinziehen. Vor fünf Jahren noch hatte das Dortmunder Amt für Stadterneuerung das neu erschlossene Bauland als „vorzüglichen Wohnstandort“ angepriesen. Zum Vorzugspreis von 90 Mark pro Quadratmeter war es Hauptsächlich an kinderreiche und weniger gut betuchte Familien verkauft worden. Mittlerweile stehen 216 Häuser in der neuen Siedlung – die nun alle, so steht zu befürchten, wieder abgerissen werden müssen.

Daß auf dem Gelände früher eine Schachtanlage – die Zeche Dorstfeld II/III – gestanden hatte, wußten die Dorstfelder Neubürger; das steht im Kaufvertrag. Nicht gesagt wurde ihnen jedoch, daß hier über 100 Jahre lang, bis 1963, auch eine Kokerei gearbeitet hatte. In einer Kokerei wird Fettkohle in Koks umgewandelt, wobei so giftige Stoffe wie Benzol, Teer, Schwefelwasserstoff und Phenole als Nebenprodukte entstehen. Sie alle und eine Reihe weiterer Chemikalien wurden in Dorstfeld-Süd gefunden und stellen nun eine akute Gesundheitsbedrohung der Anwohner dar.

Verdacht schöpften die Kaminskis bereits vor drei Jahren, als mit dem Aushub der Baugrube für ihr Haus begonnen wurde und die Arbeiter auf Mauerreste und übelriechende Erde stießen. Der Lastwagen, der den Abraum wegbringen sollte, kehrte beladen zurück: Die Deponie hatte sich geweigert, die Fuhre abzunehmen; das Erdreich, so die Begründung, stinke fürchterlich nach Chemikalien. Die Lkw-Ladung kam auf eine Sondermüll-Deponie.