Von Gerhard Prause

Gegen Ende des Buches heißt es: „Als sie ihre ’Vernichtungslager’ errichteten, in denen sie kaltblütig und auf ’wissenschaftliche’ Weise Millionen von Männern, Frauen und Kindern umbrachten, taten die Nazis nichts anderes, als diese Logik des Rassismus, eine buchstäblich bestialische Logik, zu Ende zu führen.“ – Die Logik des Rassismus, von der hier die Rede ist, besteht darin, daß ein Rassist „gar nicht anders kann, als den Angehörigen einer ’minderwertigen Rasse’ als in sich schlecht hinzustellen“, weil er für ihn „biologisch gesehen das ist, was er ist, nämlich weniger als ein Mensch, vielleicht ein Mischwesen“.

Wie es zu dieser wahnwitzigen Logik und allen weiteren Schlußfolgerungen kommen konnte, das zeigen drei französische Wissenschaftler – die Historiker Léon Poliakov und Patrick Girard und der Philosoph Christian Delacampagne – in ihrer gemeinsamen Untersuchung zur Anatomie, Geschichte und Deutung des Rassenwahns, die jetzt, acht Jahre nach Erscheinen des französicher Originals, endlich auch in deutscher Sprache vorliegt. Alle Jüngeren und Jungen in Deutschland, die heute ihre Eltern oder Großeltern fragen oder fragen könnten, wie der Holocaust möglich war, sollten dieses Buch lesen, das mit bewundernswerter Objektivität, viel Behutsamkeit und großer wissenschaftlicherVerantwortung geschrieben wurde. Auch die Älteren, die gefragt werder. oder gefragt werden könnten, sollten es lesen. Die Antworten der Autoren auf Fragen nach der Entstehung von Rassismus, Antijudaismus und Antisemitismus ---keineswegs beschränkt auf Deutschland –, ihre kritische Wertung aller in Geschichte und Gegenwart bisher von Anthropologen, Biologen, Soziologen, Psychologen, Philosophen, Politologen dargelegten Erklärungsversuche dieses Phänomens sind von sezierender Enthüllungskraft.

Erschreckend ist das von ihnen bloßgelegte, bisher viel zu wenig beachtete „wissenschaftliche“ oder eigentlich pseudowissenschaftliche Gerüst, an dem der Rassismus in all seinen Schattierungen und mit all seinen Auswüchsen emporwuchern konnte. Immer wieder und völlig zu Recht verweisen die Autoren auf diese „wissenschaftliche“ Basis, die zugleich als Rechtfertigung diente für Unterdrückung, Ausbeutung, Entrechtung und schließlich gar Vernichtung angeblich minderwertiger Rassen durch solche, die als höherstehend galten oder sich gar als arische Herrenmenschen fühlten. Kaum weniger erschreckend ist es, wie überaus bereitwillig viele große Geister den pseudowissenschaftlichen Argumenten der Biologen und Anthropologen und Rassenforscher auf den Leim gingen.

Aber nicht nur wer rückblickend nach den deutschen Vernichtungslagern fragt oder gefragt wird, sollte dies lesen, sondern alle, die wünschen, daß es nicht zu Wiederholungen jener rassistischen Brutalitäten kommt, die im Laufe der Geschichte verübt wurden. Rassismus gehört keineswegs der Vergangenheit an, sondern lebt heute in vielerlei Gestalt weiter, nicht nur als „Apartheid“ in Südafrika, als „weißer Rassismus in Rhodesien und als „schwarzer“ in mehreren afrikanischen Ländern, sondern auch in den Vereinigten Staaten gegenüber Farbigen und in europäischen Ländern gegenüber Einwanderern und Fremdarbeitern. Noch immer (oder schon wieder) gibt es viele, ja allzu viele, die Rassismus für das Natürliche und Anti-Rassismus für etwas Unnatürliches halten; sie vor allen sollten diese Untersuchung lesen, die die wissenschaftlichen Stützen des Rassismus als baren Unsinn entlarvt.

Es ist gut, daß die Autorin keine Deutschen sind; das zeigt sich vor allem da, wo es um Entstehung und Auswirkungen des modernen Antisemitismus geht. Die Autoren verschweigen nicht, daß es Antisemitismus nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern gab, vor allem in Österreich und in Frankreich. Als europäische Länder im Krieg von Hitlers Truppen besetzt wurden und in einigen von ihnen kollaborationistische Regierungen an die Macht kamen, da – so schreibt Patrick Girard, S. 129 – „waren oft sie es, die den deutschen Besatzungsbehörden (die es anfänglich vorzogen, eine abwartende Haltung einzunehmen) die schärfsten antisemitischen Maßnahmen vorschlugen. In Frankreich verkündete die Vichy-Regierung am 3. Oktober 1940 ein Judengesetz“. Und Patrick Girard zitiert den „friedfertigen Giraudoux, den Autor des Dramas ’Der trojanische Krieg findet nicht statt’“, aus dem Jahr 1939, als er „die Propaganda-Abteilung der französischen Regierung unter sich hatte“; da nahm Giraudoux eine stark fremdenfeindliche Haltung ein, die sich vor allem gegen die nach Frankreich eingewanderten Ostjuden richtete, und schlug die Einrichtung eines „Ministeriums für Rassenangelegenheiten“ vor, wobei er argumentierte: „Wir sind ganz mit Hitler einverstanden, wenn er sagt, daß die Politik ihre höchste Form erst dann erreicht, wenn sie auf dem Prinzip der Rasse beruht...“

Dies schrieb Giraudoux, wie gesagt, im Jahr 1939; es relativiert in keiner Weise die deutsche Schuld an der „Endlösung“ und anderen Entsetzlichkeiten des nationalsozialistischen Rassenwahns. Jean Giraudoux dachte gewiß nicht an Ausrottung der Juden oder anderer „Rassen“. Auch die Linguisten, die lange zuvor auf den merkwürdigen Begriff des „Indogermanischen“ gekommen waren, dem dann der des „Semitischen“ gegenübergestellt wurde, ebensowenig die Naturwissenschaftler, die versucht hatten, die Menschen in Rassen einzuteilen, dabei aber eine Wertskala aufstellten, und nicht einmal die „Rassenforscher“ im Dritten Reich hatten auch nur entfernt an jene entsetzlichen Konsequenzen gedacht, die schließlich aus ihren falschen Lehren gezogen wurden. Aber eben da – und das sollte man nie vergessen – beginnt die Problematik!