Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Am Ende Ihres Essays „Neue Widerlegung der Zeit“ gibt es einen so bewegenden wie komplizierten Satz: „Die Welt ist – unseligerweise – wirklich; ich – unseligerweise – bin Borges.“ Ich möchte sie bitten, diesen Satz zu erklären, den ich in einem anderen Teil Ihres Werkes variiert fand: „Ich werde es sein, der auf mich wartet.“ Was bedeuten diese beiden Sätze?

Jorge Luis Borges: Das heißt ganz einfach, daß ich ein anderer sein möchte. Leider ist mir das nie gelungen.

F. J. R.: Wer – „ein anderer“? Borges: Jemand, den ich nicht kenne. Ich kenne mich zu gut. Das Leben ist Suche nach Glück. Wenn man sein Glück sucht, dann kommt man schließlich zu der Feststellung, daß die einzig wirklichen, realen Personen die sind, die man nicht kennt, dann findet man immer das Unglück. Die Wirklichkeit ist das Unglück. Was mich angeht, so kenne ich mich zu gut. Aber glücklicherweise ist mein Gedächtnis schwach und ich habe nur die glücklichen Augenblicke in meinem Gedächtnis gespeichert. Die traurigen Augenblicke habe ich vergessen. Am Ende eines jeden Tages, hat man eine Odyssee durchlaufen ... Ein einziger Tag kann sehr reich sein an Erlebnissen, nicht wahr?

F. J. R.: Heißt das, daß sie eine Figur nur dann als real erleben, wenn sie nicht wirklich ist? Nicht Ronald Reagan ist „wirklich“, sondern Monsieur Swann? Nicht Hitler, sondern Orest?

Borges: Ja, Sie haben recht verstanden. So denke ich.

F. J. R.: Also die Kraft der Mythen gegen die der Realität?