Von Franz H. U. Borkenhagen

Die Aussage: „Die Lebenden werden die Toten beneiden“ wird zunehmend genutzt, um in Diskussionen und Beiträgen eine Apokalypse nach einem atomar geführten general war formelhaft zu charakterisieren. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, daß das subjektive Vorstellungsvermögen an Wahrnehmungsgrenzen stößt und differenzierte Aussagen über Folgeerscheinungen nach dem Einsatz von Nuklearwaffen offenbar nicht zuläßt. Diese argumentative „Lücke“ kann durch eine hochinteressante amerikanische Analyse über mögliche Schadensausmaße nach einem Nuklearkrieg geschlossen werden:

OTA, Kongreß der Vereinigten Staaten: „Atomkriegsfolgen“; Nomos-Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1983; 205 S., 19,80 DM.

Nüchterner, aber auch präziser als Jonathan Schell’s „Das Schicksal der Erde“ bereitet der Band „Atomkriegsfolgen“ Untersuchungsergebnisse über mögliche Nachwirkungen von nuklear geführten militärischen Angriffen auf. Der Herausgeber, das „Office of Technology Assessment“ (OTA), hat als US-Behörde die Aufgabe, physikalische, biologische, ökonomische, soziale und politische Konsequenzen der Anwendung wissenschaftlichen Erkenntnisse zu prüfen. Die Studie über The Effects of Nuclear War wurde im Auftrag des Komitees für Auswärtiges des US-Senats, erstellt. Der Bericht untersucht in seinem Hauptteil vier angenommene Fälle eines nuklearen Angriffs. Analysiert werden darin:

  • Angriff auf eine einzelne Stadt (Detroit und Leningrad) mit einer atomaren Waffe oder mit zehn kleinen Sprengköpfen;
  • Angriff auf Ölraffinerien, begrenzt auf zehn Raketen;
  • Angriff gegen militärische Einrichtungen;
  • Angriff auf eine Reihe militärischer und wirtschaftlichen Ziele unter Anwendung großer Teile des existierenden Arsenals.

Diesen Fällen, als Ordinaten auf einer entsprechenden Achse angenommen, können Situationen oder Maßnahmen, diesmal als Abszissen denkbar, gegenübergestellt werden. Als Situationen werden zeitliche Schnittpunkte nach einem erfolgten Angriff angenommen und daraus resultierende Folgeerscheinungen bei Menschen, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und so weiter herausgearbeitet und gemessen. Als mögliche Maßnahmen werden zum Beispiel Zivilschutzeinrichtungen hinsichtlich einer effektiven Schutzfunktion untersucht.

In einem abschließenden Kapitel werden mögliche Langzeiteffekte dargestellt und Zahlenangaben über somatische und genetische Effekte vorgestellt. Bereits für die erstgenannte Möglichkeit, nach der Explosion einer 1-MT-Bombe, schätzt die OTA langfristig 200 bis 2000 Krebstote und 100 bis 1000 Fehlgeburten für die betroffene Bevölkerung.