Das Ausmaß der Katastrophe ist auch heute noch kaum vorstellbar. Die Sowjets besetzen Washington, Chomeini marschiert in Moskau ein, Paris, London und beide Teile Berlins in den Händen der Palästinenser – Analogien dieser Art entsprächen den Ereignissen und politischen Folgen jenes historischen Augenblicks, als im August des Jahres 410 Alarich I., König der Westgoten, das „ewige und unbesiegbare“ Rom im dritten Anlauf eroberte und für drei Tage und drei Nächte zur Plünderung freigab.

Kein Wunder, daß in Stadt und Imperium, wo seit den Edikten des Kaisers Konstantin (313/315) das Christentum Staatsreligion geworden war, die Reste der „heidnischen Partei“ sich Gehör zu verschaffen wußten: „Solange wir unseren Göttern opfern konnten, war Rom unbesiegt und blühte.“ Diese „Lästerung des wahren Gottes“ einerseits, die dringende Bitte eines befreundeten kaiserlichen Tribuns und Notars in Karthago um ein „klärendes Wort in diesen unruhigen Zeiten“ andererseits: „Da entbrannte ich von Eifer für das Haus des Herrn und beschloß, wider ihre Irrtümer Bücher über die Civitas Dei zu schreiben.“

Der so reagiert, ist zu dieser Zeit seit vierzehn Jahren Bischof in Hippo Regius, einem Handelshafen im heutigen Algerien: Aurelius Augustinus. Am 13. November 354 in Thagaste, 70 km weiter südlich, geboren, hat er in Karthago Rhetorik studiert, ist über Ciceros „Hortensius“ auf die Spuren des Platonismus geraten: Wie finde ich zum wahren Glück? Der dreißigjährige Professor in Mailand hat Kontakt mit dem dortigen Bischof Ambrosius, studiert Plotin wie Paulus, Vergil wie die Psalmen: Die Wahrheit liegt hinter der körperlichen Welt, Glaube und Philosophie sind einander nicht wesensfremd. Taufe. Bei einem Besuch eines Gottesdienstes in Hippo wird der Siebenunddreißigjährige gegen seinen Willen zum Priester geweint, weitere fünf Jahre später ist er Bischof

Seinem Wirken verdankt die Kirche neben der endgültigen Bekämpfung von Manichäismus, Pelagianismus und Donatismus wichtige dogmatische und ethische Klärungen: Gott ist Geist, die Hinwendung zum Geistigen verlangt eine eindeutige Abwendung vom Materiellen – „Lebt nicht so, daß die Begierden des Leibes erwachen“; der Unfähigkeit der gefallenen Natur zum Guten entspricht Gottes Handeln, gegen dessen Einwirken („Gnade“) kein Widerstand möglich ist; der „Erwählung“ („Praedestination“) geht die „Rechtfertigung“ als ein Akt der Neuordnung voraus, sie widerspricht nicht dem Grundprinzip des „freien Willens“.

Zwischen 413 und 426 also – „Es kam vieles andere dazwischen, das sich nicht aufschieben ließ und zuerst erledigt werden mußte“ – schreibt Augustinus „De Civitate Dei“, das vielleicht letzte große Werk der frühkirchlichen „Apologetik“, die die neue christliche Religion gegen jüdische wie heidnische Systeme abzugrenzen und zu verteidigen suchte. Er baut seine Fundamentaltheologie auf einem Dualismus auf: hier die „Civitas Dei“, die Bürgerschaft Gottes – dort die „Civitas terrena“, die Welt-Gesellschaft.

Zweiundzwanzig „Bücher“. Zunächst zehn „destruktive“, deren ersten fünf die Vorwürfe der Heidenpartei zurückweisen, die Verhinderung des Götzendienstes sei schuld am gegenwärtigen politischen Desaster. Die Geschichte Roms, so zeigt Augustinus auf, ist die einer Kette von Kriegen, Morden und Unglücksfällen – der „Aufstieg von der Räuberbande zum Weltreich“. Rom aber ist „längst kein Staat mehr“.

Dann in den zweiten fünf Büchern die zynische Demontage der Götter: kompetenz- wie erfolglose Wesen sind sie, die allenfalls sich gegenseitig in Streitigkeiten verwickeln. „Ich kann mitfühlen, in welche Verlegenheit ein gescheiter und bedeutender Kopf (gemeint ist der römische Geschichtsschreiber Marcus Terentius Varro) geraten mußte“.