Von Rudolf Wagner

Die Häme war unübersehbar, mit der französische Zeitungen Anfang Januar diese Nachricht brachten: Ein Revisionsgericht in Toulouse hatte einen gewissen Jean-Louis Doumeng zu einer Strafe von knapp 2500 Mark verurteilt, weil der Mann, wie es an jeder Straßenecke vorkommen soll, für eine Ware betrügerisch einen höheren Preis verlangt hatte, als es erlaubt ist. Dies wäre eine Alltagsgeschichte, wenn eben nicht Jean-Louis Sohn eines berühmten Vaters wäre, dem alle Welt gern eine vergleichbare Übeltat nachgewiesen hätte.

Jean-Baptiste Doumeng ist immer nur verdächtigt, aber niemals verurteilt worden. Der heute 64jährige, massige Mann mit Golddouble-Brille und welligem Haar gilt vielen als der Teufelsbraten, der mit Geldern aus der Kasse der Europäischen Gemeinschaft (EG) die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) finanziert. Die Stücke des Puzzles, das Doumengs Vater beschreibt: Er ist der ungekrönte König des französischen Agrarhandels; und er ist Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Wenn höchstrangige Sowietpolitiker drei Wochen Parteibesuche in Frankreich machen, verbringen sie eine Woche mit Doumeng. Einem der russischen Sojus-Astronauten hat er sein Heimatdorf Noe im Südwesten gezeigt. Als persönliches Credo hält er den Satz parat: „Veröffentlichen Sie nur, was Sie wollen, ich scheiße drauf.“

Vor dem unaufhaltsamen Aufstieg des Jean-Baptiste Doumeng steht die Geschichte einer schweren Kindheit: Die Eltern sind arm, der Vater schuftet als kleiner Pächter, die Mutter verdingt sich als Amme. Als Jean-Baptiste acht Jahre alt wird, spricht er nur Patois, den Dialekt der Gegend um Toulouse, der ihn auch heute noch begleitet. Ein Priester nimmt sich seiner an und bringt ihm die französische Sprache bei, wie man sie überall versteht. Ein anarchistischer Postbote lehrt den Jungen, der noch die Schafe hüten muß, das Rechnen.

Mit fünfzehn Jahren erlebt dann Jean-Baptiste die Stunden und Tage, deren Erinnerung ihn nicht mehr verläßt. Seine Mutter stirbt an Brustkrebs, weil nicht genug Geld da war, ihr rechtzeitig zu helfen. Ein Jahr später tritt er der KPF bei, mit achtzehn Jahren gründet er seine erste landwirtschaftliche Kooperative. Der Zweite Weltkrieg bricht aus und weckt in ihm das Bedürfnis, dem Vaterlande beizustehen – doch nicht irgendwie. Die französische Biographen sehen es Doumeng nach, daß er sich ein Abiturzeugnis selbst schreibt, um Offiziersanwärter zu werden. Den Krieg beendet er folgerichtig als Hauptmann. Er heiratet die Tochter eines Nachbarbauern, der in der Viehzucht erfolgreich ist. Sie wird ebenfalls Mitglied der Partei.

Doumeng tritt an, der „rote Milliardär“ zu werden – die vielen Nullen hinter der Eins liegen freilich auch an der internationalen Schwäche des französischen Franc. Doumeng wird jedenfalls sehr reich.

Sein erster Coup ist längst zur Anekdote geworden: Er führt aus der Tschechoslowakei einen ganzen Eisenbahnzug voller Äpfel ein, als die Franzosen noch von Abschnitten der Lebensmittelkarten leben. Für seine Karriere war dann das Jahr 1950 entscheidend, in dem er mit den Russen zu handeln begann. Die Doumeng-Story läßt sich von jetzt an in drei Einzelepisoden erzählen, die allesamt Ruhm und Geld brachten und doch den Keim der Niederlage in sich bargen. Doumeng, der EG-Butter-Verkäufer, könnte ein Titel lauten. Doumeng, Rußlands fünfte Außenhandelskolonne, der zweite. Der Franzose Doumeng, der vom Erfolg Verfolgte, der dritte.