Ohne Arbeitskampf wird in der Druckindustrie die 38-Stunden-Woche eingeführt

Heimlich, still und leise hielt in Österreich die 38-Stunden-Woche Einzug. Während im deutschen Nachbarland die Drucker für die 35-Stunden-Woche auf die Barrikaden gingen, hatten es ihre österreichischen Kollegen einfacher: Ab April nächsten Jahres werden Arbeiter und technische Angestellte des graphischen Gewerbes nur noch 38 Stunden pro Woche arbeiten; die Kosten für diese Arbeitszeitverkürzung teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Die Unternehmer sorgten allerdings dafür, daß dieser sensationelle Abschluß nicht allzuviel Publicity bekam: In den meisten Zeitungen gab es nur eine kurze Notiz, die Öffentlichkeit nahm sie kaum wahr. Selbst für viele Journalisten kam die Neuigkeit aus ihrer Branche völlig überraschend. Denn die 40-Stunden-Woche galt bis jetzt auch für österreichische Arbeitgeber als unantastbar.

Die Kosten für die Arbeitszeitverkürzung bekommen die Arbeitnehmer jedoch nächstes Jahr zu spüren. Bei den Lohnerhöhungen werden sie in den meisten Fällen Abstriche hinnehmen müssen. Pro Stunde Arbeitszeitverkürzung werden auch die für eine 40-Stunden-Woche ausgehandelten Lohnerhöhungen gekürzt – um jeweils 1,25 Prozentpunkte. Fette Überstundenzuschläge fallen weg, falls dennoch eine neununddreißigste oder vierzigste Wochenstunde gearbeitet werden muß. Die geleisteten Mehrstunden, so die Vereinbarung, sollen in Freizeit abgegolten werden.

Auch auf Kleinbetriebe nimmt der Abschluß Rücksicht: Sonderregelungen sehen vor, daß für diese Betriebe die 40-Stunden-Woche als Wahlmöglichkeit erhalten bleibt. In diesem Fall müssen sie jedoch die ausgehandelten Lohnerhöhungen voll tragen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Druck und Papier, Herbert Bruna, ist flexibel. Die Forderungen seiner Kollegen in der Bundesrepublik kommentiert er nonchalant: „Fünfunddreißig Stunden, das ist für mich eine Zahl und nicht mehr.“

Der Abschluß in der Druck- und Papierindustrie ist für Österreich ein wichtiges Zeichen: Die Tendenz geht jetzt in Richtung 38-Stunden-Woche. Nicht umsonst waren die Auswirkungen einer Arbeitszeitverkürzung von 40 auf 38 Wochenstunden schon vor rund zwei Jahren Inhalt einer gemeinsamen Studie von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Bereits damals äußerten sich die Sozialpartner auffallend maßvoll: Die 38-Stunden-Woche wurde weder als Wundermittel gepriesen, noch von der Wirtschaft verteufelt.

Auch konservative Politiker der österreichischen Volkspartei sind für neue Lösungen offen: Sturheit wie in Deutschland, so sagen sie, müsse man in Österreich auf jeden Fall vermeiden. Der Tenor in der Wirtschaft aber ist immer: Die Arbeitszeitverkürzung bleibt Sache der Sozialpartner; „verordnen lassen“, wie das Sozialminister Alfred Daliinger anpeilt, wollen sie sich die Arbeitszeitverkürzung nicht.