Von Rolf Michaelis

„Wahrhaftigkeit will aber an die ganze Wahrheit, denn die Wahrheit ist immer das Ganze.“

Franz Fühmann in seiner Rede „Wahrheit und Würde, Scham und Schuld“ bei der Entgegennahme des „Geschwister-Scholl-Preises“ am 22. November 1982 in München.

„Ich halte es mit Immanuel Kant, nach dem ‚die Lüge ... der eigentlich faule Fleck in der menschlichen Natur‘ ist. Wie der Krieg soll die Lüge geächtet sein ... Der Lüge da, wo man wirkt, den Krieg anzusagen, ist das Wesentliche, das Wenige wie Viele, das ein Schriftsteller für den Frieden tun kann.“

Franz Fühmann in seiner Erklärung bei der „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“, Januar 1982.

Am Sonntag, 8. Juli, ist Franz Fühmann in der Berliner Charité gestorben. Mit dem zweiundsechzigjährigen Schriftsteller verliert die Literatur der DDR nicht nur eine ihrer großen, auch im Ausland bekannten Gestalten, sondern mehr: die von allen Generationen respektierte, ja verehrte Vater-Figur.

Der seit einem Jahr schwer kranke Mann, der sich in immer kürzeren Abständen operieren lassen mußte, kam nur noch selten in seine Stadtwohnung am Strausbergerplatz in Ost-Berlin. Der wie ein Einsiedler in einem kleinen Haus am Rande des Spreewaldes lebte, siebzig Kilometer südöstlich der Hauptstadt, war unter Birken und Kiefern der ihm fremden Mark Brandenburg kein Einsamer. Vor allem die jüngere Generation von Autoren, denen die herrschende Einheitspartei oft jede Publikation ja Auftrittsmöglichkeit verbietet, sah in dem kritischen Sozialisten ein Vorbilc. Seine Gespräche, seine Briefe haben manchen jungen Leuten Mut gemacht weiter zu schreiben, weiter zu leben.