Zensur aus Angst und Unlauterkeit: Wieder verbietet Frankfurt Uraufführung eines Stückes von Rainer W. Fassbinder

Wie verlogen ist unser Leben in der Bundesrepublik. Da kann der Bundesinnenminister immer „härtere“ Gesetze für arme Ausländer fordern; aber wenn ein Dramatiker in einem Bühnenstück einen „reichen Juden“ auftreten läßt, der sagt: „Ich kaufe alte Häuser in dieser Stadt, reiße sie ab, baue neue, die verkaufe ich gut“, dann wird die Uraufführung verhindert.

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahrzehnts verbietet die Stadt Frankfurt die erste Inszenierung eines Stückes von Rainer Werner Fassbinder. Zensur, die es nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht geben darf? Ja.

Und doch wird man den Politikern, christlichen und jüdischen Glaubensgemeinschaften, die Angst vor antisemitischen Reaktionen (und vor einem „Image“-Verlust der Handelsmetropole am Main) haben, nicht blinde Kunstfeindlichkeit unterstellen dürfen. Aber sind wir wirklich so schwach, daß vierzig Jahre nach dem Ende nazistischer Barbarei gewisse Realitäten auf der Bühne nicht mal befragt werden dürfen, auch nicht in so heftigen Sätzen und Bildern? „Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen.“

Weil wir die Schuld tragen ... Wieder holt uns nationale Geschichte ein. Ohne Bedenken hat der Suhrkamp Verlag 1976 Fassbinders Stück über die Spekulations-Skandale in Frankfurt veröffentlicht – bis Joachim C. Fest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Spiel als „antisemitisch“ zieh. Daß ein (bis in den elenden Tod) einer Minderheit angehörender Autor zur Jagd auf eine andere Minderheit aufrufen sollte, konnte nur behaupten, wem Fassbinders Leben und Werk fremd sind.

Gestalten wie den „reichen Juden“ sollte es in der Stadt der Hochhausbauer und Villenzerstörer, wo Fassbinder damals als Leiter des „Theaters am Turm“ lebte, nicht gegeben haben? Nach den Verbrechen, von deutschen an ihren jüdischen Mitbürgern begangen, kann nicht sein, was nicht sein darf. Galt zwölf braune Jahre lang die Gleichung: Jude = bös, so machen viele Deutsche jetzt, aus schlechtem Gewissen oder edler Gesinnung, die Rechnung auf: Jude = gut. Das Leben und die Juden werden beidemal verfälscht. Ist der für Wirklichkeit blinde Philosemitismus besser als Antisemitismus? Fassbinder, ein Kämpfer für alle Verfolgten, hat vor acht Jahren, als sein Stück in Frankfurt zum ersten Mal verboten wurde, gesagt: „In meinem Spiel gibt es auch Antisemiten; es gibt sie aber nicht nur in diesem Stück, sondern, beispielsweise, auch in Frankfurt.“

Der „Generalmanager“ der Alten Oper, Ulrich Schwab, glaubte, in acht Jahren seit dem ersten Verbot sei Toleranz gewachsen, sich auch mit einem so brisanten Thema auseinandersetzen zu können. Er hat, sich getäuscht. Vom Krankenbett eilte Oberbürgermeister Wallmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Alten Oper und Präsident des Deutschen Bühnenvereins, herbei, um die Uraufführung in der U-Bahn-Station vor dem Haus am Opernplatz zu verhindern.