Jetzt müssen die Lehren aus dem Streik gezogen werden

Von Theo Sommer

Was hinter uns liegt, hat weh getan, sagt Georg Leber, der Mann, dem die Beendigung des längsten und härtesten Arbeitskampfes in der Geschichte der Bundesrepublik zu danken ist. Er sagt es, obwohl er zutiefst davon überzeugt bleibt, daß „Streiks die Verschleißkosten des demokratisch verfaßten Staates“ sind, und die Freiheit der Tarifpartner, sich zusammenzuraufen, das Fundament jenes sozialen Friedens bildet, um den uns die ganze Welt seit dreißig Jahren beneidet.

In der Tat: Die Arbeitskämpfe der zurückliegenden Wochen haben weh getan. Am meisten schmerzt, betrachtet man das Ergebnis, die Einsicht, daß sie im Grunde gar nicht nötig waren. Diese Kompromisse hätten sich bei gutem Willen und einer moderaten Portion Vernunft auch ohne Streik erzielen lassen. Aber vielleicht haben jene hartgesottenen Praktiker ja recht, die von vornherein meinten, erst müsse es blutige Nasen geben, ehe eine Einigung möglich wäre.

Überdies waren die Umstände der ruhigen Einsicht nicht eben förderlich. Jahrelang hatte das Land keinen Streik mehr erlebt. Die christlich-liberale Wende-Regierung schnitt notgedrungen klaffende Löcher ins soziale Netz. Konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit verdüsterte den wirtschaftlichen Horizont. Ein so vielfädiges Problemknäuel hatte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Die Versuchung lag nahe, es mit dem Schwert eines ideologisierten Arbeitskampfes zu durchschlagen. Möchtegern-Alexander gab es in beiden Lagern: Arbeitgeber, die es den Gewerkschaften endlich einmal zeigen wollten, wie Arbeitervertreter, die mit der Waffe des Streiks die Wende glaubten rückgängig machen zu können. Es ging also durchaus auch um die Machtbalance im Lande.

Jetzt ist der Arbeitskampf vorüber. Die schrillen Fanfaren sind verklungen, die Barrikaden beiseite geräumt. Wir sind mit heiler Haut davongekommen. Zur Dramatisierung besteht denn auch kein Anlaß – weder wirtschaftlich noch gesellschaftspolitisch.

Gewiß haben die Arbeitskämpfe in der Metallindustrie und im Druckergewerbe wirtschaftliche Schäden angerichtet, vermutlich Milliardenschäden. Das Wachstum ist gebremst, der Export behindert, der deutsche Ruf beschädigt worden. Aber genau wird sich der Schaden erst in einiger Zeit errechnen lassen. Bis dahin kann manches nachgearbeitet und aufgeholt werden. Deutsche Wertarbeit wird sich im Ausland auch in Zukunft verkaufen, zumal die jüngsten Abschlüsse mit ihrer Zurückhaltung bei den Lohnerhöhungen und relativ langen Laufzeiten den Kostenfaktor für eine ganze Weile berechenbar stabilisieren.