/ Von Roger de Weck im Sommer, der auf sich warten ließ und nun mit sengender Kraft alles wiedergutmacht. Die kleine Straße schlängelt, sich durch das Grün der Rapsfelder, hin und wieder erinnert ein gelber Tupfer an vergangene Pracht. Am alten Schloß und an den Reetdächern vorbei, säumen duftende Kamillen den Weg hinab zum schattigen Teich. Gelassen gleiten drei Enten über das stille Wasser.

„Deutschland ist schön.“ Diesem banalen Gedanken fügt sich freilich gleich ein anstößiger an: „Es ist schön, in Deutschland zu leben.“ Einem Deutschen kämen solch freundliche Worte nicht über die Lippen. Kein Volk scheint mir so gnadenlos mit sich selber wie das der Deutschen. Es ist ihnen eine Tugend, an ihrem Land zu leiden. Es ziemt sich nicht, an Deutschland Gefallen zu finden. Zwar bekennen die einen rituell ihre Liebe zum „geteilten Vaterland“, als sei die schmerzliche Trennung sowohl Voraussetzung als auch Rechtfertigung dieser Liebe. Für manch andere ist die Schönheit Deutschlands Lug und Trug, weil sie gefährdet ist und die kränkliche Natur unverdrossen von Menschenhand zerstört wird. Beiden, den konservativen wie den alternativen Nostalgikern, ist indessen gemeinsam, daß sie Deutschland lieben, gerade weil es lädiert ist. Nur im Mitleid mit Deutschland äußert sich die Zuneigung zum eigenen Land.

I.

Wenn er mit Ausländern ins Gespräch kommt, erwartet der Schweizer wie selbstverständlich, daß beizeiten eine Huldigung an die „kleine, tüchtige Eidgenossenschaft“ folgen wird. Meist wird er nicht enttäuscht. In aller Regel setzt er dann zu einer langatmigen Erklärung an, warum es ihm und seinen Landsleuten so gut gehe, und wie man es machen müsse. Ganz anders der Deutsche: Von fremden Gesprächspartnern erhofft er einzig die Bestätigung, daß hierzulande schlimme Verhältnisse herrschen und woanders das Leben viel schöner ist, daß in der Bundesrepublik ziemlich alles falsch und woanders doch einiges richtig gemacht wird. Der Deutsche giert nach Kritik. Wer möchte ihn da enttäuschen?

Manche meiner neuen Freunde wollten nicht begreifen, daß es einen Schweizer an die Waterkant verschlagen konnte. Sie sprachen mir zunächst ihr aufrichtiges Mitgefühl aus und versuchten danach unermüdlich, meine Augen zu öffnen, damit ich meinen Fehler einsehe. Das schlechte Wetter oder die Unfähigkeit der Politiker, die ungesunde Luft oder die Sprödigkeit der Leute – alles diente ihnen als Argument. Als ob dies nicht genüge, wollten sie dem unbedachten Eidgenossen Angst einflößen; sie klärten ihn über die Gefahr auf, in der er sich seit seinem Umzug befinde: Ins Bedrohungsbild paßten die Russen und die Amerikaner, die Penning und die SS-20, Dioxin und Schwefel, Waldsterben und Atom, Staatsverschuldung und Wirtschaftskrise, verschlagene Steuerbeamte und verhinderte Volkszähler.

Nicht ihr Hang zu unbedingtem Gehorsam, sondern im Gegenteil ihre undemokratische Fähigkeit zu heller Empörung kennzeichnet die Menschen in der Bundesrepublik. Doch der Maßstab, den sie an die Dinge des Lebens anlegen und zuvörderst an die Widrigkeiten der Politik, ist ein extremer. Jeder noch so laue Konflikt wird gleich als „Krieg“ hochgespielt. Aussperrung, so war kürzlich auf Transparenten zu lesen, sei „Terror“. Teilt die Presse harte Schläge aus, ist das „Hinrichtungsjournalismus“. Mußte ein Politiker eine Niederlage erleiden, ist er „am Ende“. Wird Bundeskanzler Kohl von Demonstranten belästigt, beschimpft er den „Pöbel“. Haben verantwortungslose Chemie-Industrielle versagt, sind sie „Mörder“. Stirbt ein Bundesbürger beim Passieren der DDR-Grenze, ist das ebenfalls „Mord“.