ZEIT: Die Bundesregierung will aus der bisherigen Schlechterstellung der Alleinerziehenden von Kindern Konsequenzen ziehen, nachdem sie vom Bundesverfassungsgericht dazu aufgefordert worden ist. In ihrem Gesetzentwurf, den Sie jetzt im Bundestag beraten, schlägt die Regierung vor, daß Kosten, die nachweislich durch die Erziehung entstehen, bis zu einer bestimmten Höhe abgesetzt werden können. Wie beurteilen Sie dieses Gesetz – löst es das Problem?

Matthäus-Maier: Nein, es löst das Problem nicht. Erstens ist dieser Gesetzentwurf schon vom Finanzvolumen her lächerlich – 100 Millionen Mark für eine Million Alleinerziehende. Zweitens ist dieser Vorschlag sehr unsozial, denn die Geringverdienenden haben davon am wenigsten. In vielen Fällen ist die zumutbare Eigenbelastung so hoch, daß jemand mit kleinem Einkommen gar nicht darüber hinwegspringen kann. Die Höherverdienenden aber werden, wie bei allen Freibetragsregelungen im Steuerrecht, mehr entlastet. Drittens und vor allem aber fehlt jeglicher Zusammenhang mit dem Steuersplitting der Ehepartner. Dieses grundsätzliche Problem bleibt ungelöst, was von den Alleinerziehenden als Zumutung empfunden wird.

ZEIT: Die Sprecher dieser Gruppe hatten ein solches Splitting gefordert, und das Bundesverfassungsgericht hat es zu einem Teil auch ermöglicht.

Matthäus-Maier: Ein kinderloser Höchstverdiener mit einer nicht erwerbstätigen Ehefrau wird durch das Ehegattensplitting bis zu 15 000 Mark im Jahr entlastet, während der Witwer mit drei Kindern und die nicht eheliche Mutter mit zwei Kindern steuerlich praktisch wie Alleinstehende behandelt werden. Dabei bleibt es. Es sollen allein nachgewiesene Kinderbetreuungskosten steuerlich geltend gemacht werden dürfen. Wenn aber eine geschiedene Mutter mit einem sechzehnjährigen Sohn zusammenlebt, dann entstehen ihr solche Kinderbetreuungskosten im engeren Sinne meist nicht mehr.

ZEIT: Und dennoch erleidet sie einen Einkommensverlust durch die Zuwendung zu ihrem Kind.

Matthäus-Maier: Natürlich, einen erheblichen Einkommensverlust, und sie sieht nicht ein, warum ein Ehepaar mit hohem Einkommen und ohne Kinder durch das Splitting so stark entlastet wird. Deswegen fordert die SPD: Schränkt das Ehegattensplitting ein, denn da handelt es sich um eine ehebezogene Subventionierung, und strukturiert es um zu einer mehr kinderbezogenen Entlastung.

ZEIT: Ohnedies sind ja nur graduelle Änderungen des Splittings möglich – mehr lassen Grundgesetz und Rechtsprechung nicht zu.