Von Christian Schmidt-Häuer

Mailand, im Juli

Der Palazzo Serbelloni mit der grauen, irrationalen Weite seiner zu Kathedralenhöhe aufsteigenden Vorräume, mit den endlos leeren Fluchten in golddurchwirktem Neoklassizismus erscheint wie geschaffen für Andrei Tarkowskijs ikonographisch-mythische Filmbilder. Die düster-pompöse Stätte an Mailands Corso Venezia könnte der wirre Menschheitsbeglücker Domenico aus dem jüngsten Kultwerk Nostalghia an Stelle der imperialen Kulisse Roms für seine Selbstverbrennung ausgesucht haben.

Der 52jährige Tarkowskij wählte den Ort, um einen Entschluß zu verkünden, der einer künstlerischen Selbstverbrennung gefährlich nahe kommt. Der russischste aller lebenden Regisseure, der im manieristischen Film eine fast pantheistische Erlösung sucht, will nach zweieinhalb Jahren Aufenthalt im Westen nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Mit ihm bleibt seine Frau Larissa Tegorkina, jene Schauspielerin, die in Tarkowskijs filmisch-autobiographischem Vexierspiel Spiegel seine Mutter und Frau in einer Doppelrolle verkörpert.

Schmächtig, zerbrechlich, fast ausgezehrt, wie ein Antiheld aus Tschechows Dramen (die er nicht besonders schätzt), eine Strähne des glatten Haars im schmalen, leicht zuckenden Gesicht, während die gescheiten, aber zu flinken Augen seine innere Vorspannung verraten – so präsentiert der Mann, der seit 1962 (Ivans Kindheit) russische Filmgeschichte geschrieben hat, den sowjetischen Behörden nach jahrelanger Drangsalierung die Gegenrechnung. Sie ist unpolitisch, geradezu besorgt – mehr Rechtfertigung als Abrechnung.

Umständlich, viel zu detailliert für die ungestüme, uninformierte Schar der (vorwiegend italienischen) Journalisten, deren Berufsstand Tarkowskij nicht mag, schildert er seine Querelen mit Goskino, die zynische Gleichgültigkeit der Kulturfunktionäre, das brüskierende Schweigen auf alle Briefe an Zentralkomitee, Andropow und Tschernjenko, den vergeblichen Kampf um seinen 13jährigen Sohn Andrej, der in Moskau allein mit der 82jährigen Babuschka zurückbleibt. „Aus all dem mußte ich am Ende erfahren, daß sie mich hassen“, sagt Tarkowskij. „Hätten sie mir nur einmal menschlich geantwortet, dann würde ich meine Heimat nicht verlassen haben. Für mich persönlich ist das eine Tragödie.“ Und nach einer Pause, als sei ihm diese Konsequenz erst gerade bewußt geworden, fügt er mit schmalen Lippen hinzu: „Natürlich ist es auch ein Drama, daß meine Filme jetzt nicht mehr von den Sowjetbürgern gesehen werden.“

Was der nicht endende Exodus sowjetischer Künstler für das film-, theater- und musikbesessene Rußland heute bedeutet, hatte vor ihm der emigrierte Cellist Mstislaw Rostropowitsch beschwörend beschrieben. Zusammen mit dem bedeutendsten Theaterregisseur der Sowjetunion, dem vor Monaten aus der Partei und von der Moskauer Taganka-Bühne verstoßenen Jurij Ljubimow, war Rostropowitsch nach Mailand gekommen, um Tarkowskijs Auftritt demonstrativ zu stützen. „Wenn Sie sich ausmalen könnten“, so der weltberühmte Cellist im Palazzo Serbelloni, „wie viele Millionen in unserem Land das Talent Tarkowskij verehren, wie viele Millionen davon träumen, einmal ins Taganka-Theater zu kommen – dann würden sie die Tragik des russischen Volkes ermessen, das solche Menschen verlieren muß, wie den unsterblichen Tarkowskij.“