Nach dem Erfolg von Frankfurt bleiben weitere Terror-Anschläge möglich

Von Hans Schueler

Die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), so scheint es, ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Vor einem Dutzend Jahren, im Frühsommer 1972, hatten die Gründungsmitglieder der einstigen Baader-Meinhof-Gruppe, Andreas Baader, Holger Meins und Jan Carl Raspe, der Polizei eine kleine Straßenschlacht geliefert, ehe sie im Frankfurter Westend festgenommen werden konnten – Meins bis auf die Unterhose nackt. Die Szenen, die der Verhaftung von sechs RAF-Angehörigen letzte Woche, wiederum in Frankfurt, in einem Altbau in der Berger Straße vorausgingen, waren eher kurios: Ein 60jähriger Mann hörte, wie es in der Wohnung über ihm knallte. Kurz darauf erschien eine junge Frau an seiner Tür und bat um Entschuldigung: Die Katze habe das Aquarium vom Schrank gestoßen; es könnte deshalb sein, daß bei ihm bald Wasser durch die Zimmerdecke laufen werde. Dem Mann genügte das zunächst als Erklärung für den Knall, aber doch nicht ganz. Er blieb beunruhigt, erst recht als er auf dem Teppich seines Wohnzimmers ein deformiertes Geschoß und beim Hochblicken zwar keinen Wasserfleck, dafür aber ein kleines Durchschußloch an der Zimmerdecke sah. Da rief er – anderthalb Stunden nach dem auslösenden Ereignis – die Polizei an.

Zunächst erschienen zwei Schutzpolizei-Beamte mit einem Streifenwagen, den sie vor dem Haus parkten. Sie besahen sich die Kugel und das Loch und riefen Verstärkung herbei. Nunmehr rückten drei weitere Streifenwagen an; mit acht Mann schlichen die Ordnungshüter nach oben und drangen in die Wohnung ein, wo sie drei Frauen und drei Männer antrafen, die gerade im Aufbruch waren. Auf dem Tisch lag eine Pistole, offenbar die, aus der sich 90 Minuten zuvor bei unsachgemäßer Reinigung der Schuß gelöst hatte. Die Bewohner ließen sich widerstandslos festnehmen.

Respekt den Beamten: Sie wußten nicht, auf wen sie treffen würden. Aber sie handelten umsichtig, wie Spezialfahnder es nur hätten tun können. Alle trugen schußsichere Westen und verhielten sich so geschickt, daß der Überraschungseffekt auf ihrer Seite blieb.

Unter den Festgenommenen erkannten die Fahnder des Bundeskriminalamtes sofort zwei alte Bekannte wieder: Christa Eckes (34) hatte noch der Baader-Meinhof-Gruppe angehört, und auch Helmut Pohl (41) war schon in der ersten Hälfte der siebziger Jahre zu den Terroristen gestoßen, Beide waren 1974 in Hamburg gefaßt und wegen Beteiligung an einem Raubüberfall der RAF zu sieben (Eckes) und fünf Jahren (Pohl) Freiheitsstrafe verurteilt worden, die sie – unter Anrechnung der Untersuchungshaft – voll verbüßten. Ein bis anderthalb Jahre nach der Haftentlassung tauchten sie wieder in den Untergrund ab. Auch gegen Stefan Frey (24), mutmaßlicher Quartiermacher der RAF, und Ingrid Jakobsmeier (31) existierten bereits Haftbefehle des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof, nicht jedoch gegen die – erst mit Verzug identifizierten – Barbara Ernst und Volker-Wilhelm Straub.