Von Andrej Michaisen

Den Tip, nach Linosa zu fahren, eine kleine Insel, näher an Afrika als an Europa gelegen, hatte ich von Freunden bekommen. Linosa, Lampedusa, Conigli und Lampione bilden die Pelagischen Inseln, die circa 100 Kilometer östlich der tunesischen Küste liegen, 100 Kilometer westlich von Malta und 200 Kilometer südlich von Sizilien.

Wir erreichen Linosa im Morgengrauen. Die Fähre ankert vor der Südküste, wir steigen auf kleine Motorboote um, die uns bis zum Hafen bringen. Der erste Eindruck ist trist; regenwolkenverhangen liegt das Dorf da, morgenkühl, kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Weiße Häuser, ein paar geteerte Straßen, in der Ferne der lange schon erloschene Vulkan, dem die Insel Ursprung und Gestalt verdankt.

In wenigen Minuten habe ich das Dorf durchquert. Auffallend sind die aus losen Steinplättchen aufgeschichteten Mauern als Wege- und Grundstücksbegrenzungen; auffallend leider auch einige Neubauten außerhalb des Ortes, die aus Stahlbeton errichtet wurden. Diese „Zivilisation“ hatte Einzug gehalten, als auf der Insel zwei Kais aus Stahlbeton gebaut wurden, die das Entladen von Autos (nur für die Inselbewohner), großen Maschinen oder Baustoffen ermöglichen.

Ich gehe wieder zum Meer, die Taschen voller Feigen, die hier in großen Mengen wild wachsen. Neben der gewöhnlichen Feige, die wir meist in getrockneter Form essen, gibt es eine bei uns wenig bekannte Feigenart, die „fichi d’india“, die an kakteenähnlichen Stauden wachsen und daher im Deutschen auch Kaktusfeigen heißen. Sie sind mit dünnen, aber hartnäckigen Stacheln übersät, die auf der Haut unangenehm pieksen. Die Früchte haben eine tiefgelbe bis wassermelonenrote Farbe und schmecken sehr erfrischend-fruchtig und angenehm süß.

Linosa hat aufgrund seines vulkanischen Ursprungs keinen Sand-, sondern allenfalls Geröllstrand. Meistens allerdings besteht das Ufer aus bizarr geformtem Lavagestein, an dessen scharfen Kanten man sich leicht verletzen kann. Nur wenige Menschen wählen – sicher auch aus diesem Grund – ausgerechnet Linosa als Fer.enziel; so kann jeder Inselbewohner und jeder Besucher sein Stückchen „Privatstrand“ beanspruchen.

Inzwischen ist die Sonne herausgekommen; das Gestein erwärmt sich rasch, ich döse in den Tag hinein, nehme ab und zu ein Bad, genieße die Ruhe. Das Meer ist ganz klar. An manchen Stellen türmt sich weit weg vom Ufer das Gestein bis knapp unter die Wasseroberfläche auf, und man kann im Wasser stehen. Da stehe ich und träume – bis mir die Strömung die Beine wegreißt und ich unvermittelt in die Wirklichkeit zurückfalle: mit offenem Mund ins salzige Wasser ...