Spätestens seit 1914 haben die Deutschen es schwer mit ihrer Geschichte; spätestens seit 1915 auch mit ihrer Geschichtsschreibung. Denn von Stund an mußten unsere Historiker immer etwas Bestimmtes beweisen oder vielmehr widerlegen – nach dem Ersten Weltkrieg die 41leinschuldthese, nach dem Zweiten die Kollektivschuldthese.

Dieser Selbstrechtfertigung diente in der Frühzeit der Bundesrepublik der 20. Juli 1944. Die erste Generation der Widerstandsforscher, Konservative wie Hars Rothfels oder Gerhard Ritter, stellte dem Elend der Hitlerjahre die Lichtgestalten der Widerständler entgegen, deren gesamtes Tun und Trachten seit 1933 als konsequente Vorbereitung für den „Aufstand des Gewissens“ erschien. Dagegen rebellierten manche aus der zweiten Generation, Historiker wie Hans Mommsen und Klaus-Jürgen Müller. Nationalkonservative Widerständler wie Beck, Goerdeler, Popitz und Tresckow sahen sie für die erste Hälfte des Dritten Reiches als Bündnispartner Hitlers gegen die Demokratie und für die Hegemonie des deutschen Machtstaates. Inzwischen gibt es die dritte, die Enkelgeneration der Widerstandsforscher. Sie analysiert überwiegend kritisch und professionell-unterkühlt.

De drei Generationen fanden bei einem ungewohnt vollzähligen Familientreffen kurz vor dem 40. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats zusammen. 76 Widerstandsforscher von Vancouver über Bonn bis Warschau (Absagen kamen aus Moskau und Ost-Berlin) folgten der Einladung der Berliner Historischen Kommission zu einer Bilanz des Widerstands nach 40 Jahren.

Nach Jahren des Waffenklirrens zeichnet sich eine vorsichtige Synthese zwischen Bewunderern und Kritikern des Widerstandes ab – denn fast jeder ist, wenn er’s ehrlich überlegt, doch beides zugleich. Nur betonen die einen die ideologisch-politische Beschränkung vieler Hitlergegner, von denen einige sogar für die Ausbürgerung der Juden waren. Die andere Schule lobt die Tapferkeit des einsamen Widerständlers inmitten eines verblendeten Volkes.

In Berlin schienen beide Schulen die relative Berechtigung der jeweils anderen Sicht anzuerkennen. Das ist gut so, denn beide bringen einander der komplizierten Wirklichkeit des Widerstands näher. Für uns begründen sie gemeinsam ein Stück nüchterner geschichtlicher Identität: Dankbarkeit dafür, daß ein Rest deutscher Ehre am 20. Juli gerettet wurde – bei klarer Selbsterkenntnis, weshalb es so schlimm erst kommen mußte.

Ekkehard Klausa