Wer die sozialwissenschaftliche und historische Forschung aufmerksam beobachtet, stößt auf ein – wie es scheint – unauflösbares Dilemma: Da ist einerseits die zunehmende Spezialisierung, auch ein Trend zur Regionalisierung von Forschung und andererseits das unabweisbare Bedürfnis, auch bei der Orientierung über große Zusammenhänge den Überblick nicht zu verlieren. Es scheint so, als müßten alle Versuche, angesichts der Überkomplexität der modernen Welt, globale Zusammenhänge differenziert und treffend zu begreifen, scheitern. Die Zeit der „großen Würfe“ in der historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung, zu denen im 19. und frühen 20. Jahrhundert Weber, Marx, Simmel, Dürkheim und andere ausholten, ist unwiederbringlich vorbei, und dafür gibt es viele gute und einleuchtende Gründe.-

In einer Zeit, in der die Suche nach allgemeinen und verallgemeinerbaren Entwicklungsgesetzen oder -tendenzen historischer und gegenwärtiger Gesellschaften eher verpönt ist, ist es darum um so bemerkenswerter, daß Peter Flora mit der Unterstützung eines – im Verhältnis zur geleisteten Arbeit – klein anmutenden Mitarbeiterteams den 1. Band eines auf zwei Bände projektierten Datenhandbuches vorlegt, das empirische Daten für einen Vergleich europäischer Gesellschaften über einen Zeitraum von 150 Jahren versammelt. Das ist nicht nur eine mutige, sondern darüber hinaus eine außerordentlich mühevolle Tat.

Peter Flora: „State, Economy, and Society in Western Europe 1815-1975. A Data Handbook“; Volume I: The Growth of Mass Democracies and Welfare States; Campus Verlag, Frankfurt 1983; 633 S., 148,–DM.

Ausgehend von dem Entwicklungsmodell Stein Rokkans werden Daten für 17 westeuropäische Länder vergleichend vorgelegt. Der 1. Band behandelt das Entstehen der modernen Massendemokratien und ihre Sozialstaats- und Wohlfahrtsentwicklung. Er ist in fünf Kapitel gegliedert: 1. Nationalstaaten: Länder, Einwohner und kulturelle – religiöse und sprachliche – Heterogenität; 2. Massendemokratien: Wahlrecht und Wahlen; Parlamente und Koalitionen; 3. Staatsbedienstete in Regierung und Militär; 4. Staatliche Ressourcen: öffentliche Einkünfte und Ausgaben; 5. Wohlfahrtsstaaten: Einkommenssicherung, öffentliche Erziehung. – Der 2. Band behandelt das Wachsen der Industriegesellschaften und der kapitalistischen Wirtschaften, im einzelnen: 6. Bevölkerung und Familien, 7. Verstädterung und Wohnbedingungen, 8. wirtschaftliches Wachstum, 9. Arbeitsteilung und Ungleichheit, 10. Gewerkschaften und Streiks. Daten zu den politischen Parteien, sozialen Bewegungen, kollektiver Gewaltanwendung und politischer Instabilität fehlen – sei es wegen der Schwierigkeit der Datenerhebung oder wegen Überanspannung der Arbeitskapazität des Teams. Lücken werden bei einem solchen Unternehmen immer festzustellen sein, und eine gewisse Schwerpunktsetzung ist unvermeidlich.

In der Einleitung stellt Flora das Rokkansche Entwicklungsmodell für Europa vor, dem die Strukturierung des Datenmaterials folgt. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine historisch gesättigte Entwicklungstheorie westeuropäischer Gesellschaften. Wie alle guten Modelle bietet sie klare Strukturierungsmuster, ist historisch-empirisch gehaltvoll und ist Revisionen und Modifikationen zugänglich, das heißt, sie ist nicht apodiktisch und nicht einengend. Sie verbindet ein hohes Maß systematisierender Erklärungskraft mit der Möglichkeit, diese in empirischer Arbeit zu überprüfen, zu erweitern oder abzuändern.

Das Handbuch, obgleich konzeptuell dem von Rokkan entwickelten Modernisierungsmodell eng verbunden, ist keineswegs in den vielen möglichen Problemstellungen, die zu erörtern es durch das in ihm enthaltene empirische Material ermöglicht, in dieses eingeschnürt. Es eröffnet die Möglichkeit, eine Vielzahl von unterschiedlichen Fragestellungen empirisch zu verfolgen. Eines wird man künftig den Modernisierungstheorien nun nicht mehr vorhalten können: nämlich, daß sie sich trefflich für luftige Gedankengebäude eigneten, aber wenig zur empirischen Untermauerung ihrer Modelle täten. Das Datenhandbuch ist eine Fundgrube für Historiker und Sozialwissenschaftler. Es liefert vergleichender Forschung ein reichhaltiges empirisches Material. Es wäre zu wünschen, daß es zahlreiche Benutzer findet, aber nicht minder, daß die Forschung die Chance, die ihr mit diesem voluminösen Werk geboten wird, auch nutzt.

Hanna Schissler