ZDF, Dienstag, 3.7., 1630 Uhr: „Mosaik“. Ich bin 17, du bist 76. Der Ex-Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt wird von seiner Enkelin Ariane befragt.

Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, der große Verleger, kann, wie allgemein bekannt, anekdotisch und witzig parlieren; seine Enkelin Ariane ist, wie Filmaufnahmen beweisen, ein reizendes Mädchen; die Landschaft um den Genfer See nimmt sich anmutig und malerisch aus; Musik mit Harfen- und Flöten-Getön paßt gut zur sommerlich-bukolischen Landschaft im Südwesten der Schweiz. Alles richtig, und trotzdem ist nicht ausgemacht, daß sich aus einem sechsundsiebzigjährigen, von Chaime und Ironie sprühenden Literaten, einer schönen und sympathischen, dazu bescheidenen Siebzehnjährigen, einer Prachtlandschaft mit Weinbergen, alten Mauern, freundlichen Wirten und Motorbooten auf dem See sowie einer leitmotivisch aufklingenden Weise aus alter Meisterschule ein guter Film machen ließe – ganz im Gegenteil, leider.

Um Heinrich Maria Lecig-Rowohlt ein paar Schnäcke und Schnurren aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit (und auch aus reiferen Jahren) zu entlocken, hätte es weder der artig fragenden Enkelin („Hattest Du eigentlich Lieblingsautoren?“ „Ihr wurdet gute Freunde, nicht wahr, Thomas Wolfe und Du?“) noch der vielen Landschaftsaufnahmen bedurft, die, dachte der Betrachter am Bildschirm, offenbar einem Werbefilm über den Genfer See und dessen Ambiente entnommen worden waren: So malerisch geht es zu in unseren Dörfern, so bequem sitzt sich’s am Brunnen und unter schattigen Bäumen, so angenehm fährt man, bei entspanntem Geplauder zwischen Großvater und Enkelkind, auf den Wellen des Sees!

Wozu die Reise? Im Zeichen allgemeiner Etatkürzungen hätte das Fernsehteam besser daran getan, den Verleger in Reinbek oder bei Gelegenheit der Frankfurter Buchmesse zu interviewen: Weniger hübsche Bilder und Hirtenmusik, und stattdessen mehr Worte, mehr Informationen, mehr unbekannte Details aus dem Leben Ledig-Rowohlts – nicht die bekannten, oft erzählten, in Salomons „Fragebogen“ pointiert berichteten, sondern andere, die darauf warten, erst Anekdote zu werden. Dazu ernste, über den small talk hinausgehende Fragen nach den Lesern einst und jetzt, nach literarischen Moden und den Möglichkeiten, Geschmack und Kultur zumindest in bescheidenem Rahmen zu fördern. Und dann, angenommen, die Enkelin fragte: „Was war anders als Du jung warst: Lasen die Leute mehr – und was? –, ohne Radio, Schallplatten und Fernsehen – besessener vielleicht, konzentrierter, aber auch naiver: voll Erwartung, ihr Leben mit Hilfe der Poesie verdoppeln, also auf zwei Ebenen zugleich existieren zu können?“

Schade. Es fing so gut an: Ledig-Rowohlt las Tucholskys Gedicht „Oller Mann“ – ein idealer Beginn für ein Grundsatzgespräch zwischen Angehörigen zweier weit voneinander entfernten Generationen. Aber dann kam eben doch nur die Frage nach dem ersten Verliebtsein des Herrn Großpapa, nach den großen Namen, kam die Ledig-Geschichte von der Lungenentzündung im Kriege (wegen russischen Frosts und zu kalten Biers), kam das Durchschreiten der Prospekt-Landschaft und, die Sekunden verrannen, das Harfen-Getön.

Heinrich Maria Ledig-Rowohlt aber blieb im Verborgenen: als alter junger Mann, als Verleger, als Großvater und überhaupt. Momos