ARD, Sonntag, 15. Juli, 20.15 Uhr: „Keine Zeit für Wunder“, Spielfilm von Luigi Comencini

Jesus ist unter uns“ verkünden riesige Plakate mit einem bärtigen Bilderbuch-Jesus. So vermarktet ein römischer Kirchenverlag seinen neuesten Hit: Das Leben Jesu. Als Don Filippo (Fernando Rey), der geschäftstüchtige Leiter des Unternehmens, den zukünftigen Jesus-Darsteller als Anhalter auf der Autobahn mitnimmt, erkennt er sogleich das werbewirksame Potential, das in dem blauäugigen Giovanni (Beppe Grillo) steckt. Nicht einkalkuliert hat der gewiefte Werbefachmann im Priesterrock, daß irgendjemand ernsthaft von dem überzeugt sein könnte, was die Kirche gewinnbringend verkauft.

Giovanni gehört zu den Einfältigen im Geiste. Mit der Rolle übernimmt er auch den Glauben und schenkt den Slum-Kindem neue Hoffnung. Die entsetzten Kirchen-Oberen reagieren blitzschnell. Denn wer den Schwindel mit dem Glauben glaubt, der muß ja wohl verrückt sein!

Was wäre, weite einer mit dem Glauben ernst machte? Luigi Comencini entlarvt in seiner scharfgezielten Satire: „Keine Zeit für Wunder“ alltägliche Ketzereien und doppelte Moral, indem er sie mit ihrem eigenen Widerspruch konfrontiert. So entlarvt der italienische Regisseur die Heuchelei einer christlich-bürgerlichen Gesellschaft, die nur Bestand hat, indem sie ihre Glaubensgrundsätze verrät.

Wie Mario Monicelli und Dino Risi gehört Luigi Comencini zu den bei uns weitgehend unbeachteten Meistern der italienischen Komödie. Der deutsche Film hat kaum Vergleichbares hervorgebracht. Bei den Deutschen herrscht wohl eher allgemeiner Konsens darüber, daß ein Film mit „ernstem Anliegen“ gefälligst nicht zum Lachen sei, so wie eine Komödie, die nicht nur unverbindlichen Klamauk verbrät, gleichermaßen Mißfallen erregt. Mit solch strenger Abgrenzung haben die besten unter den italienischen Regisseuren nichts im Sinn. Die zum Markenzeichen aufgestiegene „italienische Komödie“ verschaffte ihren Regisseuren im eigenen Lande bis heute Ansehen und beträchtliche Zuschauerzahlen.

Auch Comencini, ein Moralist, der an das eigene Werk hohe Ansprüche stellt, hielt sich nie an vermeintliche Genre-Grenzen. Unter der publikumswirksamen Oberfläche des Detektiv-Films „Die Sonntagsfrau“ zeichnete er das schwarze Spiegelbild einer wohlsituierten Bürgerlichkeit, die insgeheim mörderischen Lüsten frönt. In „Lo scopone scientifico“ amüsiert sich Bette Davis- als reiche Amerikanerin damit, ihren bettelarmen italienischen Partnern beim Kartenspiel stets aufs neue vergebliche Hoffnung auf Gewinn zu machen. Die Parabel von der ewigen Chancenlosigkeit der Armen in einem erbarmungslos kapitalistischen System, verliert nichts von ihrer Schärfe, auch wenn die Verzweiflung bisweilen unwiderstehlich komisch daherkommt. In „Keine! Zeit für Wunder“ gehört die Sympathie des Regisseurs uneingeschränkt seinem Jesus, dessen Arglosigkeit Comencini als Wegzeichen sieht. Denn siehe, Jesus wirkt Wunder: Eine Terroristin (Maria Schneider) fühlt Mitleid, ein gelähmtes Kind steht auf und geht davon.

Auch in Comencini schlummert! der Wunsch nach einer einfachen Welt, in der das Gute leicht und das Schlechte nicht lustig ist. Doch weil die Verhältnisse so nicht sind, muß Comencini sich nach der Decke strecken. Mit Auftragsfilmen fürs Kommerzkino plagt er sich, um hin und wieder die Filme zu realisieren, die ihm am Herzen liegen. Es macht dem Regisseur alle Ehre, daß seine „Brot-Filme“ stets den Moralisten verraten und seine „Wunschfilme“ den Komödianten. „Keine Zeit für Wunder“ – das ist nicht nur Kino als moralische Anstalt. Auch Lachen ist erlaubt. Lina Schneider