München: „,München leuchtete‘ – Karl Caspar und die Erneuerung christlicher Kunst in Manchen um 1900“

Da gab es, im späten neunzehnten Jahrhundert, die gedankenreiche, aber öfters unsinnliche religiöse Malerei von Böcklin und Feuerbach (Marées ist auch hier wieder einmal die Ausnahme), die effekthascherischen Schilderungen der Salonkunst, die im Bemühen, das Geheimnis sichtbar zu machen, es aus den Bildern vertrieb, und den Versuch Fritz von Uhdes und anderer, das Heilsgeschehen mit den Mitteln des Realismus zu vergegenwärtigen. Und da war noch die Kunst der Beuroner Mönche, die zwar gelegentlich richtige Überlegungen anstellten (etwa, daß Kunst, die sich mit dem Übersinnlichen beschäftigt, abstrakt sein müsse), im Normalfall jedoch Frömmigkeit für eine ausreichende Voraussetzung von Kunst hielten. Alles in allem also keine günstige Ausgangslage für eine Erneuerung der christlichen Kunst, falls das überhaupt noch möglich war. „Wir Katholiken haben in künstlerischen Dingen keine eigene Sprache mehr“, stellte der Dichter Konrad Weiß 1914 fest (und fügte hinzu, daß „auch der protestantische Kulturwille ... im Schöpferischen immer mehr“ zurückbleibe). Wenn es keine konfessionsgebundene eigenständige Kunst mehr gab, wie sollte dann eine neue christliche Kunst aussehen? Karl Caspar zumindest war mit der Aufgabe, die christliche Kunst zu erneuern, überfordert, schon, weil er kein Erneuerer der Kunst war. Und diejenigen, die es waren, Kandinsky und Marc, suchten die Kunst in einem Religiösen zu verankern (Kan-Kunst nannte es einfach „das Geistige“), das nicht identisch war mit dem spezifisch Christlichen. (Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Staatsgalerie moderner Kunst im Haus der Kunst, bis zum 22. Juli; Katalog 35 Mark, im Buchhandel 48 Mark) Helmut Schneider

Schleswig: „Karl Schmidt-Rottluff“

Kirchtürme: einer wie ein einsamer Krokus aufbrechend, ein anderer wie ein aggressiver rot-blauer Dolch in den Himmel fahrend. Gesichter: zerstört, zerfressen mit leeren Augen auf den Betrachter gerichtet. Menschen: Giganten gleich ruhen, wandeln sie auf der Erdkugel. Es ist exzessiv bis an die Grenze des Erträglichen gesteigertes Lebensgefühl, Kräfte messend, innere Tiefen auslotend in Schmidt-Rottluffs Bildern, die er von 1910 bis in die zwanziger Jahre malte. Danach werden die Bilder ruhiger, formeller, die Formen weicher und die Farben klar und leuchtend. In Schloß Gottorf, dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum, ist jetzt eine umfassende Ausstellung seiner Gemälde, Holzschnitte und Aquarelle zu sehen. Gerhard Wietek, der die Ausstellung zusammentrug, schrieb zu diesem Anlaß ein Buch, das die Beziehungen des Malers zu Hamburg und Schleswig Holstein darstellen will. Gerade, in den Jahren zwischen 1906 und 1912, in denen er seinen expressiven Malstil entwickelte, verlebte Schmidt-Rottluff regelmäßig die Sommermonate in Dangast an der Ostsee, stellte in Hamburg aus, pflegte Kontakt mit Hamburger Sammlern. Wieteks Buch enthält eine ausführliche, chronologisch aufgebaute Biographie, eine umfassende Auswahl von Briefen und Zeitungskritiken, ein Verzeichnis von Werken in hamburgischem und schleswig-holsteinischem Besitz vor der Aktion „Entartete Kunst“ 1937 (die auch Schmidt-Rottluffs Bilder mit dem Bann belegte) und eine Liste seiner Ausstellungen in diesem Raum. Es sind diese archivalischen Arbeiten, die Wieteks Buch auszeichnen. Eher enttäuschend ist der einleitende Text, der kaum Nutzen aus dem ausgebreiteten Material zieht. Interessant wäre bei so exponierter Seelenmalerei doch eine auf die spezifische Stadt, die Landschaft bezogene kulturhistorische Deutung gewesen. (Schloß Gottorf bis zum 12. 8.; Gerhard Wietek: „Schmidt-Rottluff in Hamburg und Schleswig-Holstein“, Karl Wachholtz Verlag, Neumünster, 1984; 256 S., Abb., DM 48,-) Elke von Radziewsky

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Von Frans Hals bis Vermeer – Meisterwerke holländischer Genremalerei“ (Museum Dahlem bis 12. 8., Katalog 40 Mark)