Die verdrängte Geschichte der Humangenetik unter Hitler

Von Benno Müller-Hill

Weshalb machen Sie das? Wie oft habe ich diese Frage schon gehört, seit ich angefangen habe, mich mit der Geschichte der Humangenetik in Nazi-Deutschland zu befassen. Diese Frage hört man im deutschen Wissenschaftsbetrieb selten, und wenn man sie hört, signalisiert sie tiefe Zweifel: Zweifel, ob ein Forschungsprojekt vernünftig ist; Zweifel, ob der Forscher in der Lage ist, die Forschungsarbeit durchzuführen.

Naturwissenschaftler interessieren sich nicht für die Geschichte ihrer Wissenschaft. Sie leben in der Gegenwart. Fünfzehn Jahre alte Veröffentlichungen sind Prähistorie. Wenn sich ein Naturwissenschaftler für die Geschichte seines Faches interessiert, dann kann man im allgemeinen annehmen, daß ihm sonst nichts einfällt – er gehört nicht mehr dazu. Und wenn einer sich dazu noch für die nie publizierte Geschichte „schlechter Experimente“ interessiert, und das war das große „eugenische Experiment“ der Nazis, dann ist die Verständnislosigkeit vollkommen. Ein Experiment, das nicht gegangen ist, interessiert niemanden. Dem widmet man keine Zeile.

Ja, weshalb mache ich das? Vor einigen Jahren hielt ich eine Vorlesung über „Die Philosophen und das Lebendige“. Dabei bemerkte ich, daß am Ende des letzten Jahrhunderts ein eigenartiger Prozeß einsetzte, der die Aufgabe der Sinngebung der Welt den Philosophen und Theologen entzog und sie Ärzten und Naturwissenschaftlern überantwortete. In der letzten Stunde meiner Vorlesung wollte ich über die biologischen Ideologen des „Dritten Reiches“ sprechen. Ich stellte fest, daß es nur wenig Literatur über sie gab.

Während eines Forschungsfreisemesters konnte ich mich ein halbes Jahr meinen Nachforschungen widmen. Damals und in den darauffolgenden Jahren habe ich zunächst Wissenschaftszeitschriften, Bücher und Broschüren diagonal gelesen. Später ging ich in in- und ausländische Archive. Dann habe ich versucht, die überlebenden Anthropologen und Psychiater ausfindig zu machen und mit ihnen zu sprechen.

Der große alte Gelehrte