Von Willibald Sauerländer

Am 9. Juli ist der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in Salzburg gestorben. Sedlmayr war Österreicher, noch in der Monarchie geboren und im Ersten Weltkrieg kaiserlicher Offizier bei der Orientarmee. Mit Pathos und Leidenschaft hat er für „alt-europäische“ Wert- und Ordnungsvorstellungen gefochten. Aber dieser rigide Konservative besap zugleich eine sehr empfindliche, moderne Sensibilität und agierte seismographisch in den Spannungen zwischen den Weltaltern. Sein aufregendstes Buch, das nach 1945 geschriebene „Verlust der Mitte“, enthält eine faszinierende Beschreibung des Zerfalls eben jener alten Welt, deren Erinnerung, Bewahrung, ja wohl auch Restaurierung ihm Lebensprogramm war.

Sedlmayr hatte in Wien in den aufgeregten Jahren nach der Revolution von 1918 studiert. Damals faszinierte Max Dvořák eine durch den Expressionismus aufgerüttelte Jugend mit seinen Deutungen des Manierismus, Brueghels oder Grecos. Dvořáks Wirkung war immens, und auch Sedlmayr betonte stolz, durch ihn sei er zur Kunstgeschichte geführt worden. Aber es ist symptomatisch, daß er selbst sich in seinen Erstlingsschriften der glanzvollsten Epoche aus der Architekturgeschichte des alten Österreichs zuwandte: dem Kirchen-, Schloß- und Palastbau in der Zeit nach den Türkensiegen. Seine frühe Fischer-von-Erlach-Monographie, sein Buch über österreichischen Barock mögen überholt sein. Sie bestechen noch heute durch die knappe Schärfe ihrer Analysen. Dieses Gebiet blieb ein Lieblingsthema, dem er immer neue Perspektiven abgewann. In einer Abhandlung über „Die politische Bedeutung des österreichischen Barock“ beschrieb er diese Baukunst 1938 als „Reichsstil“, der als Synthese italienischer und französischer Voraussetzungen europäische Geltung gewann. Seine spätere Abhandlung über die „Schauseite der Karlskirche in Wien“ ist nicht nur ein brillantes Beispiel für die Wiederentdeckung der Semantik von Architektur, sondern auch eine Apologie der Kaiserstadt. Die Kirche Karls VI. wird in ein welthistorisches Achsensystem gerückt, das sich bis zum Salomonischen Tempel und zur Römischen Peterskirche erstreckt: Wien als „neues Rom“, Architekturgeschichte als monumentale Erinnerung an die versunkene Monarchie.

Doch hielte man sich nur an diese österreichischen Arbeiten, so käme man nicht zu jenem Sedlmayr, der das Sensorium der Kunstgeschichte in beispielloser Weise geschärft hat. Es begann damit, daß er mit Hilfe der Gestaltpsychologie einen neuen Entwurf für das anschauliche Verstehen von künstlerischen Gebilden vorlegte, theoretisch begründete und in Analysen der Architektur Borrominis und Brueghel’scher Gemälde erprobte. Ein Schlüsselbegriff des Aufsatzes über Brueghel lautet „Entfremdung“. Tatsächlich beruht die Suggestivität des vorgeschlagenen Verfahrens auf der Aktualisierung vergangener Kunstwerke, auf dem Anspruch, verborgene Kräfte der Geschichte zu enthüllen und sozusagen physiognomisch sichtbar zu machen.

Am wirkungsvollsten hat er dieses Verfahren auf die Analyse der Kunst der letzten zweihundert Jahre angewandt. Das Konzept ist 1939 in seinem Aufsatz über: „Die Kugel als Gebäude, oder: das Bodenlose“ entwickelt. Hier werden die Kugelgebäude der Franzosen Ledoux und Boulle und des sowjetischen Architekten Leomidow als „Symptome und Symbole der Revolution“ erkannt, denen um 1800 die Architektur Schinkels, 1939 das Reichssportfeld Marchs rettend gegenüberstehen. Im 1948 erschienenen „Verlust der Mitte“ ist diese Perspektive auf den Zeitraum von 1760 bis zur Gegenwart erweitert. Polemiker verstanden Sedlmayrs Buch als einen Angriff auf die soeben der nationalsozialistischen Verfolgung entronnene Moderne.

Tatsächlich handelt es sich um eine geniale Beschreibung des Zerfalls der älteren Kunstformen und ihrer zunehmenden Autonomisierung seit dem 18. Jahrhundert. Phänomene wie der Landschaftsgarten, die Revolutionsarchitektur, die Glaseisenkonstruktion, das Fragment sind kaum wieder auf vergleichbarem Niveau diskutiert worden.

Und doch handelt es sich um eine zwiespältige Schrift. Sie steht unter dem renitenten ideologischen Vorbehalt, die Entwicklung des europäischen Geistes seit der Aufklärung sei ein einziger Abfall vom Ganzen und Wahren gewesen. Ihr enormer Erfolg im restaurativen Deutschland der fünfziger Jahre war ebenso symptomatisch wie die Tatsache, daß sie in anderen zur Aufklärung beherzter eingestellten Kulturen – etwa in England, den USA oder Frankreich – nur begrenzten Widerhall fand. Wer das Buch wieder liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Sedlmayr durch die von ihm so vehement denunzierte Moderne tiefer fasziniert war als die meisten Apologeten. Er blickt auf das entfesselte Chaos der autonom gewordenen Künste so gebannt wie Nero auf das brennende Rom.