Von Uwe Prieser

Ich schwör’s dir“, sagt Bill, „wenn du hier nicht glücklich bist, hast du selber schuld. Hier kannst du alles erreichen. Es kommt ganz allein auf dich an.“

In Los Angeles triffst du eine Menge Leute, die Bills Meinung sind. Wir sitzen auf der Terrasse. Bills Haus am Stadtrand ist schön, und seine Frau Cindy ist schön, und die beiden Kinder sind nett und sauber, wie der Hund und die beiden Katzen und das Kaninchen. Du überlegst, wie du Bill erklären sollst, was aus den alten einfachen Wahrheiten geworden ist. Aber vielleicht sind sie niemals richtig wahr gewesen, ich meine, für alle gleich wahr. Oder sie werden immer im falschen Augenblick erzählt.

Außerdem hat er natürlich recht, es ist sogar in der Verfassung garantiert, „die Verfolgung des Glücks“. Aber wer garantiert, daß jeder das Glück auch mal einholen kann. „Oh, come on“, sagt Bill, „du bist in Kalifornien.“ Das magst du gar nicht weitererzählen, weil es so typisch klingt, daß es eigentlich gar nicht wahr sein kann. Ist es aber doch.

Bill und Cindy erzählen, daß sie schon seit fast einem Jahr versuchen, ein drittes Kind zu kriegen. In der Los Angeles Times stand heute eine große Anzeige von einem Krankenhaus: „Wir helfen Paaren, Familien zu werden.“ Das Krankenhaus verweist auf seine Erfahrung auf dem Gebiet der künstlichen Befruchtung. „Neueste medizinische Techniken. Für weitere Informationen erreichen sie uns unter ...“

Cindy erzählt von zu Hause, als sie ein Kind war. Es kommt heraus, daß ihre Eltern aus Oklahoma sind, und Cindy sagt schnell, daß sie aber schon in Kalifornien geboren worden sei. Fünfzig Jahre ist es her, daß die „Okies“, verarmte und vertriebene weiße Landpächter aus der Staubschüssel des Südwestens, nach Kalifornien gezogen sind, von den besitzenden wie den besitzlosen Einheimischen gleichermaßen verachtet, als Streikbrecher auf den Plantagen ausgebeutet, ignoriert von der Gesellschaft. Du sagst, Himmel, Cindy, das ist doch schon fünfzig Jahre her, und irgendwo sind sie ja alle mal hergekommen, die Kalifornien Doch Cindy will nicht mehr darüber reden. Es hat mit Kalifornien nichts zu tun.

Es ist dunkel geworden, ., Tim, der Sohn, fürchtet sich. Im Tal dort drüben, zwischen den von der Sonne dunkelgelb gebrannten kahlen Bergen, schweben nachts die Indianergeister und singen zur Windharfe die Legende der Vertreibung ihres Volkes, das ruhelos über die Himmelsweiden zieht, weil auf der Erde kein Platz mehr ist. Wir legen eine Platte des Pop-Helden Michael Jackson auf, und Cindy holt das Trainingsbuch für ihre Auto-Psychoanalyse. Du kannst alles erreichen. Du bist das Zentrum deines Willens.