Von Karsten Witte

Der Mann mault, spielt den eingebildeten Kranken und fleht um Fieber, damit er in der Klinik bleiben darf, in die ihn sein Bewußtsein selber einlieferte. Er zieht sich aus dem Filmgeschäft ins Bett zurück, wirft ein Aperçu („mal vu/schlecht gesehen“) in die Schreibmaschine und streift seine Schlafmütze über den Kopf. Humor hat der Mann, Biß auch, wenn er sich als ein liebenswürdig verrücktes Ekel präsentiert und als Onkel Jean in Jean-Luc Godards 48. Film auftritt: Das ist Godard höchst unprivat in seinem jüngsten Film, der an Tollheit und Übermut, an Schärfe und Melancholie alles in den Schatten stellt, was derzeit jüngere Regisseure vorlegen. Schon deshalb ist „Prénom Carmen“ der jüngste Film, der jetzt zu sehen ist. Die Intelligenz zeugt seine Spannung.

Ein Dokumentarfilm über die Arbeit eines Streichquartetts, ein Kriminalfilm, ein Liebesfilm, ein Tonfilm, ein Hörbild? Dieser Film ist alles, nur keine Verfilmung der Oper „Carmen“ von Bizet, wie sie nach der getanzten Fassung von Saura bald als gesungene Version von Rosi zu erwarten Godard läßt im Café zwei Takte von Bizets ist. Musik pfeifen, mehr nicht. Lieber hält er sich an Beethovens Streichquartette (Nr. 9, 10, 14, 15 und 16), die Arbeit an der Musik, wo sie sichtbar wird in den Körpern der Musiker, die mit ihrer Musik atmen. Das führt zu keiner Klassikerverehrung, sondern ergibt einen körperlichen Sinn für die autonome Wahrnehmung von Bild und Ton.

Godard schärft den Zuschauersinn für Diverses. Die geringste Abweichung vom Erwarteten interessiert ihn, nicht die exzentrische, denn damit machte man besser Melodramen. „Schlecht gesehen“, meint der Regisseur in der Klinik. Aber dafür gut gehört, könnte man ergänzen. Nicht aus Resignation, sondern aus Selbstkritik. Man kann ja die Schärfe nachziehen, besser sehen lernen, die Welt auf den zweiten Blick erfassen.

Eben noch übt das Streichquartett selbstversunken, da löst sich das Gesicht einer Frau aus dem Ensemble, um in einer Kriminalgeschichte aufzutauchen. Eben wird eine Bank überfallen, da wälzt sich ein junges Paar im Blut mit einer Leidenschaft, die sich töten will und gleichwohl lieben kann. Ein Ballett aus Gewalt und Zärtlichkeit; Gesten, die beschützen und die abrupt einreißen, was sie schützen wollten; Körper, die sich berühren, ohne je zu verschmelzen. Godards Film vibriert mit einer Erotik, deren Kraft im blitzschnellen Übergang, in kaum faßlicher Energieverwandlung liegt. Das ist das trügerische Glück, das hier zum Greifen fern ist.

Natürlich gibt es Fragmente der Erinnerungen an Bizet, wie auch nicht. Carmen bleibt „Carmen“, versachlicht sich scheinbar durch den Zusatz „Vorname“. Sergeant José wird Polizist Josephe, von Carmen in Augenblicken der Vergessenheit amerikanisch „Joe“ genannt, was der so Angesprochene gleich berichtigt. Die Schmugglerbande ist eine Terroristengruppe, die Banken ausraubt und Industriellentöchter entführt und zwar im eigenen Namen, nicht in dem des Volkes. Escamillo schließlich, bei Bizet der eitle Stierkämpfer, der Joses fatale Eifersucht erregt, wird zum banalen Zimmerkellner degradiert, auf den Carmen ein flüchtiges, bloß taktisches Interesse verschwendet.

Das ist der Skandal: Eine Frau, gewöhnlich Objekt des Begehrens, verschwendet eigenes Begehren. Sie gibt es als unerschöpflich aus. Sie nimmt den Männern das Heft, in dem die Wünsche reguliert sind, aus der Hand. Carmen hat Lust – und das ist Godards politische Dimension – der Welt zu zeigen, was eine Frau mit einem Mann alles machen kann. Lust allein genügte nicht: sie der Welt zu zeigen, ist entscheidend, jedenfalls für einen Film. Godard führt im erotischen Diskurs einen versteckten Diskurs über die Moralität der Filmarbeit. Truffaut dagegen, heute sein bester Widersacher, vertrat stets die dürftige Auffassung, Film sei, mit schönen Mädchen schöne Dinge zu machen.