Mühselig und müde wie fast überall verlieren auch in Frankreich die Wahlen zum europäischen Parlament. Und diejenigen, die sich zum Wahlgang aufrafften, taten es offensichtlich eher aus innenpolitischen Erwägungen als aus einem „europäischen“ Anliegen heraus – wie immer man letzteres auch definieren mag. Entsprechend war dann das Ergebnis, das Monsieur Le Pens rabiatchauvinistische Rechte auf denselben Stimmenstand hinaufhievte, auf den sich die KPF nun endgültig heruntergewirtschaftet findet. Wobei sich die europafernen Wahlmotivationen der äußersten Rechten und der äußersten Linken nicht ganz unähnlich waren.

Wenn der sozusagen europäischste Diskurs im Lande aus dem Munde des Parteiführers der Sozialisten, Lionel Jospin, kam, so reflektiert das nur die stark vom Mittelstand und nicht zuletzt von Intellektuellen bestimmte Zusammensetzung der Partei. Tatsächlich entstammt der Großteil der sozialistischen Abgeordneten, die nun in das neue Parlament in Straßburg einziehen werden, dem in Frankreich nach wie vor angesehenen Stand der Lehrer – und das trotz oder gerade wegen der anhaltenden Schulkonflikte, die die Tagespolitik entschieden stärker prägen als die Europa-Wahlen.

Sozialistische Intellektuelle waren es denn auch, die kurz vor den Wahlen über lange drei Tage hin ein „Europaforum“ inszenierten, dem es durchaus nicht an Subventionen – der Partei? der Regierung? – zu fehlen schien. In den sakrosankten Räumlichkeiten der ehemaligen Ecole polytechnique konnte man sich, angeschlagen vom Pariser Alltag und Straßenkrach, in die kanariengelben weichen Fauteuils fallen lassen, sich bei Schuberts „Moments musicaux“ entspannen, die, einer unaufdringlichen Barmusik gleich, über die Lautsprecher rieselten. Immer in Erwartung dessen, was da kommen sollte, aber eben doch nicht kam: das Publikum.

Geladen war neben der unvermeidlichen Pariser Intelligenzija eine stattliche Zahl von Europäern. Deutsche, Italiener, Holländer, aber auch Griechen, Portugiesen und dazwischen, ein wenig verloren, eine Türkin. Simultandolmetscher – die Apparate waren elegant in den gelben Armsesseln verborgen – standen bereit, zur Verständigung das ihre beizusteuern. Man gab sich bewußt europäisch und wollte gewiß einen Monolog der französischen Intellektuellen vermeiden. Aber das große Auditorium füllte sich nicht, und der europäische Schubert tönte wohl deshalb noch so lange fort. Als man dann endlich doch zur Sache kam, fand auf dem Podium – übrigens waren selbst hier nicht immer alle Sitze besetzt – ein Spiel von Intellektuellen für Intellektuelle statt: Glasperlen gleich wurden nahezu im Alleingang die Reden gerollt, geschoben, transparent, aber auch farbig, glatt und rund.

Den Auftakt des „Forums“, das mit dem Europathema bereits in seine dritte Runde trat (Kolloquien über die „Friedensbewegung“ und über „Deutschland und die Zukunft Europas“ waren 1983 und Anfang 1984 vorausgegangen), gab der Vizepräsident und Historiker Jean Elleinstein. Lange Jahre galt er als einer der bekanntesten Köpfe der Kommunistischen Partei. Eine von ihm verfaßte und von der Fachwelt als zu leicht empfundene Geschichte der Sowjetunion hatte die Orthodoxie zum Klirren gebracht. Dies und einige wenige andere, zuweilen mutige Stellungnahmen genügten, um den Ausschluß aus der Partei zu rechtfertigen. Heute findet sich Elleinstein mit bewundernswerter Leichtigkeit auf der europäischen Seite jenes Mannes, auf den er sich wiederholt in ehrerbietiger Hochachtung als „unseren Präsidenten“ beruft. Mitterrands Aufrufe in Straßburg, in Holland und wo auch immer, sich für ein starkes Europa einzusetzen, werden wieder und wieder – und das nicht allein von Elleinstein – als allein richtungweisende Parole zitiert. Was keineswegs ausschließt, daß man sich noch im gleichen Atemzug auf De Gaulles „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ beruft.

Unter den Diskutierenden fand sich noch so manches ehemalige Mitglied der KPF. Der ideologische Umschwung hat ihrer verbalen Überzeugungskraft freilich nicht die geringste Verve genommen. Glaube und Engagement ließen sich offensichtlich mühelos auf eine andere politische Ebene übertragen. Nähte und Brüche sucht man vergebens. So stellen sich Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus durchaus nicht nur für den Historiker Le Roy Ladurie als gleiche Elemente oder Glieder ein und derselben Kette dar, für die der Begriff des Totalitarismus wie ein Schirm fungiert. Hannah Arendts Totalitarismus-Analogien werden hier nach einer mehr als zwanzigjährigen Verspätung delektierlich und wie eine Offenbarung kommentiert.

Auf der Suche nach der kulturellen Identität Europas, die es auf diesem Forum zu definieren galt, begannen sie alle, Historiker, Philosophen und Linguisten gleich, bei den alten Griechen und ihrem Verständnis von Demokratie. Und hatte denn nicht schon Herodot, ein gebürtiger Asiate, Europa bis zum Don definiert? Wonach De Gaulle mit seiner Formel also gar nicht so schlecht beraten war.