Nun soll die deutsche Reinheit doch der europäischen Einheit geopfert werden. Daß die EG-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof wahrhaftig Klage gegen jenes ehrwürdige Gebot erhoben hat, demzufolge deutsches Bier allein aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser gebraut werden darf – davon ist Bonn ganz schön verstört worden. Zu scheußlich ist ja auch, was dem heimischen Volksgetränk an Konkurrenz aus welschen Landen droht: laut Bayernkurier ein Gebräu mit Formalin, das zur Konservierung von Leichen dient, mit Gummi arabicum, nützlich für Büroleim, und mit Glyzyrrhizin, das in Medikamenten gegen Hautleiden steckt.

Das soll nun womöglich in die Republik strömen. Denn ganz nüchtern betrachtet, geht es gar nicht um das Reinheitsgebot. Das werden die Luxemburger Richter wahrscheinlch unangetastet lassen. Wohl aber handelt es sich darum, ob die europäischen Nachbarn fortan ihre chemisch verbilligten Erzeugnisse auf den hiesigen Markt werfen können.

Das heißt, es geht um einen Zweig des deutschen Mittelstands, den die Regierung sehr pflegt. Denn was werden die vielen kleinen regionalen Brauereien machen, wenn sie sich einem vielleicht ruinösen Wettbewerb ausgesetzt sehen? Kann die Regierung dem Protektionismus huldigen, während sie sonst der freien europäischen Marktwirtschaft das Wort redet? Da ist sie verstrickt in ein Problem von hoher Brisanz, besonders innenpolitisch, bedenkt man den Pro-Kopf-Verbrauch von 150 Litern Bier im Jahr, in Bayern sogar von 240 Maß.

Fürs erste hat sie sich bereits entschieden. Sie macht gegen ihre Nachbarn Front – im Gegensatz übrigens zu ihrer Rücksicht bei den Autoabgasen. „Wir werden den deutschen Verbraucher vor Chemie-Bier schützen“, schwört Gesundheitsminister Geißler. Und nicht anders, selbstverständlich, Landwirtschaftsminister Kiechle: „Wir geben nicht klein bei, das ist doch klar!“ Homerische Worte, der Bierkrieg ist los.

Dafür ist an den Grenzen zu Frankreich und Belgien der gordische Knoten endlich durchschlagen. Wer mit einer kleinen grünen Scheibe signalisiert, daß er ein braver Europäer ist, kein Schmuggler oder sonstwie böse, darf unkontrolliert durchfahren – selbst wenn er sich die Scheibe in Heimarbeit gebastelt hat.

So hochherzig geht es zu, wenn sich erst einmal der deutsche Kanzler und der französische Präsident der Sache annehmen. Nach einem Wahlkampf ohne Themen und einer nicht gerade mitreißenden Beteiligung an dem Stimmgang zum Straßburger Parlament mußte ein Stück Europa zum Anfassen her.

Von den Einwänden der Fachleute, der ewigen Bedenkenträger, wird weniger geredet. Sie befürchten vor allem eine Zunahme des Drogenschmuggels und des Transfers illegaler Arbeitskräfte.