Von Hans Schueler

Washington, im Juli

Wenn Helmut Kohl ungeliebten Staatsbesuch bekommt“, flachste ein Begleiter des Bundesverteidigungsministers, „dann läßt er vorher das Sofa raustragen. Cap Weinberger läßt erst kurz vorher den Tisch reinbringen, an den er sich mit seinem Gast setzen muß.“

Die Szene spielte am Donnerstag voriger Woche im Empfangssaal des Pentagon. Offenbar hatten die Bediensteten des US-Verteidigungsministeriums erst im letzten Augenblick bemerkt, daß der Tisch fehlte, an dem Besucher Manfred Wörner und sein amerikanischer Kollege das beiderseitige Regierungsabkommen über ein Mehr-Milliarden-Projekt unterzeichnen sollten: die Modernisierung des europäischen Luftverteidigungsgürtels zwischen Nordsee und Alpen.

Es war die dritte Reise Wörners nach seinem Amtsantritt in die Vereinigten Staaten, und es war fraglos die schwierigste. Zwar brachte der Minister einen Vertrag mit nach Hause, dessen Erfüllung die konventionelle Verteidigungskraft der Bundesrepublik wesentlich stärken wird und bei dem die Deutschen einmal nicht die alleinigen Zahler sind. Zwar konnte Wörner sich rühmen, für eine knappe halbe Stunde von Präsident Ronald Reagan empfangen zu werden – eine Ehre, die europäischen Verteidigungsministern im allgemeinen nicht zuteil wird.

Und dennoch mußte der bundesdeutsche Minister sich fragen, ob denn die Geste des Präsidenten mehr als ein bloß optischer Ausgleich für das wachsende Unbehagen in Amerika über den vermeintlich säumigen Bundesgenossen am Rhein sei. Mit relativ knapper Stimmenmehrheit hatte der amerikanische Senat erst vor wenigen Wochen das Verlangen des demokratischen Senators Sam Nunn abgelehnt, 90 000 US-Soldaten binnen drei Jahren aus Europa abzuziehen, wenn sich die Europäer weiterhin weigerten, ihre Rüstungsbudgets zur Stärkung der konventionellen Kampfkraft kräftig zu erhöhen.

Manfred Wörner kann damit weder in diesem noch im kommenden Jahr dienen. Nach Abzug der Inflationsrate liegt der Haushalt des Verteidigungsministers mit knapp 50 Milliarden Mark nur wenig mehr als ein Prozent über dem des Vorjahres, wenngleich er, gemessen an allen anderen Einzelplänen des Bonner Gesamtbudgets, noch immer am stärksten gestiegen ist. Die von den Amerikanern geforderte und von den europäischen Nato-Partnern dem Grundsatz nach längst beschlossene Netto-Aufstockung um jährlich drei Prozent wird er auch 1985 nicht annähernd erreichen.