Von Wolfgang Gehrmann

Die Branche zeigte sich betroffen, zum erstenmal. Kaum war der jüngste Skandal um das Ultra-Chemiegift Dioxin im Hamburger Werk des Ingelheimer Pharmakonzerns C. H. Boehringer Sohn publik geworden, kaum hatte Hamburgs Umweltsenator Wolfgang Curilla die Fabrik deshalb geschlossen, da reagierten auch ganz Unbeteiligte verblüffend. In großen Zeitungsanzeigen machte die Mannheimer Chemiefirma Boehringer klar, daß sie mit den ob ihrer ständigen Umweltskandale verrufenen Namensvettern aus Ingelheim nichts zu tun habe. Boehringer Mannheim fürchtete um seinen Leumund und ging deshalb auf Distanz zu Boehringer Ingelheim.

Pfui-Rufe über Umweltsünden der Konkurrenz gehörten in der Vergangenheit nicht zum comment der Branche. Ob Abwasser-Probleme bei Hoechst, Insektengift-Verwehungen bei Merck oder Umweltschützer-Proteste gegen Dünnsäure-Einleitungen von Bayer und Kronos Titan – stets verhielten die Konkurrenten sich still und nahmen solidarisch hin, daß mit jedem neuen Giftskandal Deutschlands drittgrößter Industriezweig wieder als skrupelloser Umweltschädling in Verruf kam.

Der Boehringer-Skandal von Hamburg aber war so schlimm, daß die Branche kaum wieder nach vertrautem Muster – wegducken, abwiegeln und die Umweltschützer madig machen – reagieren konnte. Im Verband der Chemischen Industrie (VCI) wurden hinter verschlossenen Türen erstmals Stimmen laut, die den Umweltsünder öffentlich rügen wollten. Ein VCI-Arbeitskreis schlug zudem vor, freiwillig ein branchenweites Meßprogramm durchzuführen, mit dem endlich in allen fraglichen Chemieproduktionen nach Dioxinen gefahndet werden sollte.

Doch die Hoffnung, die Branche werde endlich einmal offensiv für ihre Glaubwürdigkeit eintreten und nicht immer nur auf Druck von Behörden und Umweltschützern reagieren, war verfrüht. Als Heinz-Gerhard Franck, Chef der Rütgerswerke und derzeit Präsident des VCI, vorletzte Woche sich einer Pressekonferenz stellte, um über munter steigende Umsätze und Gewinne seiner Branche zu berichten, spielte er schließlich doch nur wieder die alte Leier: Boehringer Ingelheim, so Franck, habe im Einklang mit den Gesetzen gehandelt.

Erst einmal, das immerhin konnte Franck in Aussicht stellen, solle im Oktober ein Experten-Kongreß des VCI Klarheit darüber schaffen, in welchen Konzentrationen Dioxin überhaupt schädlich ist. Mit ihrem Symposium freilich kommt die Industrie – wie stets – zu spät. Hamburgs Umweltsenator nämlich hatte schon Anfang Juni Wissenschaftler zu einem Dioxin-Kongreß geladen, auf dem dann jene maximal zulässigen Dioxin-Werte festgelegt wurden, die Boehringer Ingelheim wenige Tage später zur Schließung seines Werks zwangen. Den Chemie-Bossen hat das Dioxin-Debakel von Hamburg leider keinen heilsamen Schock versetzt. Die Duckmäuser haben die bislang beste Gelegenheit verpaßt, sich zu einer freiwilligen, aktiven Umweltschutzpolitik bekehren zu lassen. Was endlich vonnöten wäre – und was weiter unterbleibt –, wäre eine branchenweite Mobilmachung für gründliche Studien über die Gefährlichkeit von Dioxinen und anderen heiklen Chemieprodukten. Statt dessen aber traut der Arbeitgeberverband der Chemieindustrie sich nicht einmal, ein seit Monaten in seinen Schubladen liegendes Informationspapier über Dioxine zu veröffentlichen.

Dringend erforderlich – und eine dankbare Aufgabe für die Industrie – wäre auch eine bundesweite Erhebung über gefährliche Chemiemüll-Deponien. Bislang haben lediglich die Umweltschutzbehörden in Hessen und Hamburg von sich aus solche Giftmüll-Kataster erarbeitet – von begeisterter Mitarbeit der Industrie bei diesen Projekten wissen die staatlichen Umweltschützer leider nicht zu berichten.