Ein für DDR-Straßen ungewöhnliches Bild: Mehr als drei Dutzend Volkswagen-Käfer verschiedener Baujahre trudeln in langer Reihe die Serpentinen vom Kyffhäuser zum Kelbraer Stausee hinunter. Die Fahrer winken sich zu, einige Mitfahrer stecken die Köpfe durch die Schiebedächer, um die bunte Schlange zu photographieren. Im sonntäglichen Gegenverkehr drücken Staunende die Nase an die Scheibe ...

Im Dörfchen Kelbra, am Fuße des Kyffhäusermassivs, bleiben die Leute am Straßenrand stehen und schauen der staubaufwirbelnden Kolonne der roten, gelben, blauen, grünen und weißen Wolfsburger Wagen nach, als wäre es ein Zirkus-Treck. Die Käfer fädeln sich auf einen Parkplatz ein. Kaum stehen die VWs, laufen einige Käfer-Fans einen Hang hinauf, um von oben die Wagenburg aufzunehmen.

Dann lassen sie sich auf der Wiese nieder – der Himmel ist blau, wie es sich für einen solchen Festtag gehört. Adressen werden ausgetauscht, die jungen Leute kommen vornehmlich aus den Käfer-Ballungsgebieten Leipzig, Dresden und Weimar/Jena. Auch einige Berliner sind darunter. Man trifft sich zwei- bis dreimal im Jahr zu solchen Ausflügen, um Erfahrungen und vor allem Ersatzteile auszutauschen. Denn Werkstätten, die einen VW-Käfer reparieren können, gibt es nur wenige, und brauchbare Ersatzteile sind knapp.

Vor kurzem drohte der Käfer-Fan-Club in der DDR zu zerfallen, als seine Vorsitzende in die Bundesrepublik übersiedelte. Bald fanden sich jedoch pfiffige, organisatorisch begabte Nachfolger. Ungewöhnlich für DDR-Verhältnisse ist, daß die Gruppe nicht der direkten Kontrolle und Steuerung durch irgendeine staatliche Organisation unterliegt. Es gibt keine Jahrespläne, keine Wettbewerbsverpflichtungen, keine Rechenschaftslegungen. Der zeit- und kraftaufwendige bürokratische Leerlauf entfällt.

Für einen älteren Teilnehmer, einen dicklichen Mann, scheinen diese Vorzüge keinen hohen Stellenwert zu besitzen. Er möchte offensichtlich die Schirmherrschaft irgendeiner Obrigkeit nicht länger missen. Als Vorsitzender einer Sektion Auto-Veteranenfreunde im ADMV (Allgemeiner Deutscher Motorsportverband) der DDR will er die Käferfahrer unter die Haube bringen.

„Als Sektion VW-Käfer-Fans?“ fragt einer lachend. Das ginge sicherlich nicht, erklärt der Dicke, aber man könne doch die Sache zum Beispiel unter der Bezeichnung „Touristik“ laufen lassen. In der letzten ADMV-Leitungssitzung sei schon darüber beraten worden. Er zählt Vorteile auf: Versicherungsschutz, Benzingutscheine, Geschicklichkeitsfahrten und Materialbörsen. Beginnt, Antragsformulare für den ADMV auszugeben. Die Zustimmung ist mäßig. Eine große Menschentraube bildet sich aber um einen Verteiler von Aufklebern „Klub der Käfer-Freunde“.

Ersatzteile werden gesucht: Stoßdämpfer, Handbremsseil, Benzinpumpe und anderes. Angeboten wird weniger: eine heizbare Heckscheibe, eine Betriebsanleitung. Welche Menschen fahren in der DDR Käfer? Es sind Nischen-Typen: Jung-Intellektuelle mit Bart und Cordhosen, Theaterleute, Junggesellen um 30, unverheiratete Frauen, wohlhabende Studenten mit Arzt- oder Professorvater, ältere gepflegte Paare, Erben, technisch versierte Mechaniker und Bastler, Leute mit gediegenen Westbeziehungen. Immerhin muß man für das begehrte Modell 1303 derzeit 20 000 Mark bezahlen.

Mutmaßliche Gründe der Anhänglichkeit: Weil sie kein größeres Auto brauchen, ein „Trabant“ ihnen aber zu laut ist und unbequeme Sitze hat. Weil sie sich ein größeres Auto nicht leisten können, den „Trabant“ aber verachten, weil er aus „Pappe“ ist. Weil sie ihrer weltoffenen beziehungsweise pro-westlichen Einstellung Ausdruck verleihen wollen. Weil der Käfer der preiswerteste „Westwagen“ ist. Weil sie ihn mögen. Das jedenfalls verbindet alle Teilnehmer des Käfer-Treffens. Einer schlug vor, zum nächsten Treffen auch die Käfer-Fans aus der BRD einzuladen. Müßten ja nicht alle sein. Volker Jochimsen