Von Elke von Radziewsky

Hamburger Kunsthalle 1983: Zwei kleine Ausstellungen werden eröffnet. Oben in der Kuppel die von Karl Prantl, einem österreichischen Künstler, der ruhige, zur Meditation aufrufende Steinplastiken schafft. Die Eröffnungsrede stellt sein Werk vor. Im Abseits, kaum bemerkt, kaum bekanntgegeben: eine Ausstellung von Lili Fischer.

Nachdem sie Prantls Steinarbeiten gesehen haben, trödeln einige der Besucher auch in Lili Fischers Ausstellungsraum. Gehen an den Wänden entlang, sehen Schränke mit Torfballen, Knüppel behängt mit Kräutersäckchen, Fotos, Zeichnungen, daneben Maschinen-, Handgeschriebenes: etwas über das Johanniskraut und seine heilenden und magischen Kräfte, etwas über Rosmarin. Viele der Besucher schütteln den Kopf, andere suchen fragend nach einer Bedeutung, viele gehen kommentarlos hinaus,

Am folgenden Sonntag ist Lili Fischers Raum übervoll. Eine Pflanzenkonferenz wird abgehalten: Eintritt ist nur demjenigen gewährt, der eine Pflanze mitbringt. Dann bietet Lili an: Gundermann zum Gurgeln, Handbad mit Wermut, Fußbad mit Senfmehl, Teeproben. Gespannt stecken die Gäste ihre Füße in Wannen, lassen sich Augentrost auflegen. Die Stimmung wird lebhaft. Debatten werden angezettelt. Nun soll eine Friedenspflanze gewählt werden. Erklärungen, Begründungen werden abgegeben. Jeder Gast erhält eine Bohne, soll sie als Stimmabgabe neben die Friedenspflanze seiner Wahl legen. Es folgen Auszählung und Verkündung des gekürten Krauts. In Hamburg ist es die Brennessel. Vorher in Marseille war es Rosmarin, in Kiel ein Weizenkeimling und in Oslo wurde der Tabak ausgesucht. Eine Resolution wird verabschiedet. Sie wird später dem Bürgermeister der Hansestadt überreicht.

Oben in der Kuppel ruhen weiter Prantls Steinskulpturen, ziehen den Besucher in ihren Bann, entlassen ihn, einige berührt, viele stumm. Das Museum, Veranstaltungsort dieser beiden so unterschiedlichen Darbietungen macht die Diskrepanz deutlich: Hier die in sich geschlossene Skulptur – dort das Objekt, beliebig, alltäglich, ohne „künstlerischen Tiefgang“. Hier das repräsentativ hingesetzte Werk – dort Riechen, Fühlen, Erleben und Empfinden. Hier meisterhaft bearbeitetes, ästhetisch gestaltetes Material – dort zufällige Arbeitsspuren, Dokumente von Aktionsprozessen, pseudowissenschaftlich aufbereitete Fundstücke in Schaukästen, in Photoreihen.

In das gängige Rezeptionsnetz der Kunstkritik paßt Lili Fischers Kunst sich nicht ein. Ihre Aktionen lassen sich schlecht auf dem Kunstmarkt verkaufen. Ihre Torfschränke, Kräuterapotheken, Musterbriefe und Früchteschachteln passen eher ins Reformhaus als in die schicke Galerie. Farnbetten, Johannisfeuer, Dampfbäder und Rutenlesen – Aktionen in, mit, um Natur – gehören eher in die Sommerfrische, in den Kurort, so meint man jedenfalls gern. Und ihre Berufsspezialisierung: kreative Animation – so etwas kennt man aus dem „Club Méditerranée“ – aus dem Ferienlager, aber doch nicht aus Hamburgs Kunstszene.

Gerade das scheint Lili Fischer (sie studierte bei Gotthard Graubner, Dietrich Helms und Franz Erhard Walther) zu wollen. Sie fühlt sich gelangweilt von den biederen Kunstausstellungseröffnungen, von den Künstlern, die ihre Werke in den Wänden drapieren, sich stolz und redselig zeigen und wieder ins Privatleben zurückziehen, von den Skandalmachern, die nicht minder nach öffentlichem Ruhm gieren, und den Schöner-Wohnen-Dekorateuren, die ihre Werke für weiße Räume mit italienischem Stahlrohr- und Glasplatten-Design schaffen. Sie will nicht die Schickem erreichen, den kleinen elitären Kreis von Menschen, die gewohnheitsmäßig Galerien besuchen und meistens schon beruflich mit Kunst zu tun haben.