Von Monika Putschögl

Sie kommen jedes Jahr und sie kommen nachts. Sie müssen nicht die Sicherheitskontrolle passieren, denn sie landen direkt am Strand. Sie werden freudig erwartet und mit besonderer Aufmerksamkeit begrüßt, denn ihre Spezies ist rar geworden. Sie kommen, um ihre Eier im Sand zu deponieren – die berühmten Loggerhead-Schildkröten.

Diese Veteranen des Tierreichs sind übrigens nicht die einzigen, die sich den Strand von Kiawah Island zu ihrem Domizil erkoren haben. Alligatoren wohnen auch dort und mehr als 30 andere Arten von Reptilien und Amphibien. Außerdem fühlen der Waschbär und das Opossum sich hier wohl, das Eichhörnchen und die Ente, der Silberreiher, die Seeschwalbe und weitere 140 Vogelarten. Und dann sind da noch ein paar tausend Urlauber. Sie alle leben friedlich miteinander.

Kiawah Island, im US-Bundesstaat South Carolina, 34 Kilometer von der Hauptstadt Charleston entfernt gelegen, ist eine Ferieninsel, eine Anlage, die allerdings kaum etwas gemein hat mit der Betonöde oder der Hüttchentraulichkeit ihrer deutschen Pendants. Kiawah Island ist ein Naturparadies und ein Ferientummelplatz amerikanischer Dimension und Perfektion.

Morgens um neun Uhr starten wir zur „Jeep-Safari“, verbunden durch Sprechfunk rattert unsere kleine Kolonne los. Es geht auf Safari über eine Insel mit zwei 18-Loch-Golfplätzen, mit 28 Tennisplätzen, mit Swimming-pools, mit Einkaufszentren und Laden-Passage (in der es so notwendige Dinge gibt wie gestrickte Türknaufschoner), mit Nachtclub, Restaurants und Hunderten von Ferienwohnungen.

Der Jeep rollt vorbei an stattlichen Häusern mit bräunlichem Anstrich, der wie verwittert wirkt, ein bißchen Mimikry, so daß die Wohneinheiten zwischen den Baumgruppen und dem satten Grün der weiten Wiesen kaum auffallen. Plötzlich geht die Zivilisation in Urwald über, dichter, subtropischer Wald, voll Summen und Zirpen: Eichen mit spanischem Moos behangen, wuchtige, alte Bäume in enger Symbiose von wunderschön wuchernden Parasiten umschlungen, hohe Farne, umschwirrt von dicken Libellen und großen, gelben Schmetterlingen, Luftwurzeln hängen über dem Weg und im Boden stecken kleine Fähnchen. Schon ist der nächste Bauabschnitt für neue Urlaubsquartiere markiert. Mitten im Urwald versteckt sich ein Märchenschloß, verfallen, verwunschen und zugewuchert, ein „haunted house“, ein Gespensterhaus, ehemals Wohnsitz der Familie Vanderhorst, der die Insel mit dem eigenwilligen Namen einmal; gehörte.

Kiawah hießen die Indianer, die hier zu Hajise waren, bevor die Siedler kamen, die Baumwolle pflanzten, bis Baumwolle kein Geld mehr brachte und sich auf den Feldern die Kiefern breitmachten.