Eine Vier-Sterne-Inszenierung über die Todgeweihten mit dem gelben Juden-Stern. So viel Glitzerglanz über der gelackten Aufführung eines Ghetto-Stücks, das eher an „armes Theater“ denken läßt, das kann nicht gutgehen.

Noch das Programmheft zur „Europäischen Erstaufführung“ des Schauspiels (mit Musik) in drei Akten, „Ghetto“, von Joshua Sobol ist, wie es sich für ein Luxusetablissement des Show-Business ziemt, breiter als die Polstersessel der Freien Volksbühne in Berlin. Auf Kunstdruckpapier (Preis: fünf Mark) kann, wer will, Dokumente nazistischen Rassenwahns betrachten: vergilbte Amateuraufnahmen von Opfern und Mördern, rührende Zeichnungen von Überlebenden aus Ghetto und KZ, Briefe, Erlasse, Plakate, Verbote. Die meisten Zeugnisse blutiger Vergangenheit sind, auch auf Hochglanzpapier, nicht mehr zu entziffern. Weil fast alle historischen Urkunden in hebräischen Schriftzeichen oder in polnischer Sprache gedruckt sind, schrumpft der Erkenntniswert für deutsche Zuschauer auf den bloßen Augenreiz.

Haben die Veranstalter gar nicht daran gedacht, deutsche Zuschauer bei der ersten Begegnung mit einem Revuemusical über das Tabuthema jüdischer Kollaboration bei der Vernichtung von Juden zum Nachdenken anzuregen? Der Besetzungszettel auf der Rückseite des Programmheftes im Format eines Kunstbandes liest sich wie ein „Who is who“ deutscher Theater-, Oper(etten)-, Tanz- und Kunstszenerie: Peter Zadek (Regie), Johannes Grützke (Bühne), Barbara Naujok (Kostüme), André Diot (Lichtdesign), Peer Raben (Musik), Hans Kresnik (Choreographie), Charles Lang (Bewegungsregie), Lajos Kovacs (Akrobatik).

Wozu der Aufwand? Nur um das Elend nachzuspielen, den Gewissenskampf verfolgten Juden im Ghetto zwischen totalem Protest, der den Tod einkalkuliert (den eigenen, aber auch den der Mitgefangenen) oder dem Mitmachen, „um Schlimmeres zu verhüten“, dadurch zwar mitschuldig zu werden, aber – vielleicht – ein paar Menschen zu retten?

Dabei war von Schauspielern/Sängern noch gar nicht die Rede. Nie war er so gut: Michael Degen, der Jude als (besseren) Preuße. In blau-goldener Phantasieuniform mit Davidsstern und Litzen ist er = der (historisch verbürgte) Polizeichef Jacob Gens im Ghetto der litauischen Hauptstadt Wilna. Noch im Brüllen von Befehlen läßt Degen hinter der Lust an der Macht den verzweifelten Glauben an die Rettung des jüdischen Volkes ahnen, auch wenn er dem Holocaust die Hand leiht.

Sein (jüdischer) Gegenspieler ist der Sozialist Hermann Kruk (ebenfalls eine Gestalt jüdischer Geschichte). Ernst Jacobi spielt den Bibliothekar des Ghettos als Idealisten mit kindlichem Trotz. Weil von den 76 000 Juden Wilnas vor drei Wochen 50 000 abgeschlachtet wurden, kleben Kruk und seine an die Revolution glaubenden „Bundisten“ Plakate: „Auf dem Friedhof spielt man kein Theater“.

Gens ist anderer Ansicht. Überzeugt vom Untergang des Nazireichs, will er den geistigen Sieg des jüdischen Volkes sichern. Deshalb führt er 1942/43 Hebräischunterricht an den Schulen im Ghetto ein und läßt Theater spielen.