Es geht nicht um Karl den Großen, Ludwig XIV. oder Bismarck, es geht sehr wohl aber um Geschichte: um die der kleinen Leute, der Unterdrückten, der Namenlosen. Die „offizielle“ Geschichtsschreibung der Schlachten und Herrscher sieht in der Regel nur die eine Seite der Medaille – vermutlich die weniger wichtige. Wie aber sah das Leben der Millionen Unbekannten aus? Dies ist das Thema der Geschichtswerkstätten, die in Konstanz und Mainz, in Hamburg, Berlin oder Darmstadt entstanden sind und in denen im überschaubaren Bereich Geschichte „von unten“ aufgearbeitet wird. Die etablierte Historiker-Innung bleibt weitgehend außen vor. Der, Anspruch der Geschichtswerkstätten, in denen sich Profi- und Amateur-Historiker treffen, ist demokratisch und zielt auf die Verletzung akademischer Regeln: „Wir wollen Geschichte so schreiben, zeigen und vermitteln, daß sie möglichst viele Leute verstehen können“ (aus dem Programmzettel für das letzte „Geschichtsfest“ in Berlin).

Das Selbstverständnis der neuen Bewegung: sie will „Gegenwart als geschichtlich geworden und somit als veränderbar zeigen“, die „Geschichte der Ausgeschlossenen, Unterdrückten und Beherrschten erforschen“, den „Alltagswirklichkeiten in ihren Veränderungen nachspüren“, die „Trennung zwischen lokaler und ‚Makro’-Geschichte überwinden“ sowie „durch die Erforschung und Darstellung von Geschichte in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen unserer Zeit eingreifen“. Das Programm der Geschichtswerkstätten streut weit: Jugendkultur der 60er Jahre, Geschichte der handwerklichen Produktionsformen, Nachkriegsgeschichte, oral history, Filme aus der Zeit des Kalten Krieges, Alltag im Faschismus – nur um einige Themenbeispiele vom letzten Berliner Geschichtsfest zu nennen.

Das alles hat nichts mit dem modischen Geschichtstrend im Zeichen der politischen Wende zu tun, viel aber mit der Freude, die eigene Geschichte zu entdecken. Hier liegt auch eine Ursache für den Reiz und die Ausstrahlung der neuen Bewegung verborgen: Betroffene können sich als Subjekt und Objekt historischer Forschung begreifen. Das Ganze ist nicht zuletzt eine Herausforderung des traditionellen, meist öden Geschichtsunterrichts an den Schulen. In den Geschichtswerkstätten sollten die Schulgeschichtsbücher entstehen, in denen sich Schüler (und ihre Eltern, Großeltern .. .) wiederfinden. Aber da sind sich die schulbuchzulassenden Kultusminister mit den Universitätshistorikern herzlich einig: diese Art von Rückbesinnung auf Geschichte ist nicht gemeint. Ernst Vitus