Der Regierungswechsel nach dem unerwartet deutlichen Labour-Wahlsieg in Neuseeland kann die militärpolitischen Gewichte im Südpazifik verschieben. Wirtschaftspolitisch ist eine Abwertung des Neuseeland-Dollars zu erwarten.

Der Zufall wollte es, daß der amerikanische Außenminister George Shultz zur rechten Zeit am rechten Ort war: am Tag nach der Wahl in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington. Anlaß war die lange zuvor terminierte Tagung des \NZUS-Pakts, des Militärbündrisses zwischen Australien, Neuseeland und den USA. Planmäßig bitte die Tagung weit vor der im November fälligen Wahl stattgefunden. Aber eine zerbröckelnde Parlamentsmehrheit bewog den konservativen Premierminister Sir Robert Muldoon, den dienstältesten Regierungschef im westlichen Lager, zu vorgezogenen Wahlen.

Zwei Themen beherrschten den Wahlkampf: die miserable Wirtschaftslage und der ANZUS-Pakt. Der Vertrag steht vorläufig nur indirekt sur Disposition. Labourchef David Lange, ein Nachkomme von Einwanderern aus Bremen, ist strikter Befürworter einer atomwaffenfreien Zone im Südpazifik. Seine neue Legierung, hinter der 56 der 95 neugewählten Abgeordneten stehen, will atomgetriebenen oder -bewaffneten Schiffen die neuseeländischen Gewässer sperren. Da die amerikanische Marine grundsätzlich keine Auskunft über die Bewaffnung ihrer Schiffe gibt, würde dies die militärische Zusammenarbeit zwischen Neuseeland und den Vereinigten Staaten empfindlich einschränken.

Auf Neuseelands Häfen könnten die USA notfalls verzichten, aber eine derartige Entscheidung in Wellington würde weitere Kreise ziehen. Die Atomwaffendiskussion in Australiens Labourregierung erhielt te neue Nahrung. Mit knapper Mehrheit entschieden Australiens regierende Sozialdemokraten vor der neuseeländischen Wahl, daß atomare Flotteneinheiten weiterhin in australischen Gewässern operieren können. Auf dem rohstoffreichen fünften Kontinent unterhalten die USA strategisch wichtige Einrichtungen.

Das Kommuniqué der ANZUS-Tagun; in Wellington, das ungehinderten Zugang der Partner zu Neuseelands Häfen fordert, besagt nicht ziel, da es ohne Beteiligung des Wahlsiegen Lange entstand. Wichtiger ist der Hinweis von Shultz, die USA wollten Pakttreue nicht mit Wirtschaftssanktionen erzwingen.

Das zielt auf den schwachen Punkt: Das kleine Neuseeland (3,2 Millionen Einwohner) gehört mit gut sechs Milliarden Dollar zu den höchstverschuldeten Ländern der Welt. Das Agrarland, das nach dem Beitritt Großbritanniens seinen Hauptkunden verloren hat, wollte unter Muldoon mit einem „Think-Big“-Programm, mit großen Industrie- und Energie-Investitionen, die einseitige Abhängigkeit von der Landwirtschaft vermindern. „Think-Big“ konnte nur über eine extensive Schuldenaufnahme finanziert werden. Mit einem Lohn-Preis-Stopp drückte Muldoon die Inflation: Er hielt den neuseeländischen Dollar künstlich hoch und beschnitt den Einfluß der traditionell streiklustigen Gewerkschaften. Es kam zu handfesten Auseinandersetungen: Muldoon fand kein Rezept gegen die Arbeitslosigkeit, die auf sieben Prozent anstieg.

David Lange will nun – nach australischem Vorbild – Gewerkschaften und Unternehmen zusammenführen. Zunächst aber muß er die Kapitalflucht stoppen, die wegen der befürchteten Abwertung eingesetzt hat. Mit eigenen Mitteln kann er der Wirtschaftsprobleme des Landes kaum Herr werden; er braucht ausländische Hilfe, vor allem die seiner Haupthandelspartner. Das sind, neben Japan, Australien, die USA. Diese beiden beharren aber auf dem ANZUS-Pakt.

Klaus Viedebantt