An einen Preußen oder einen Amerikaner würde der 76jährige Chiemgauer Engelbert Birnbacher diese Preis-Bärte nicht verkaufen, denn „die verstehn’s ja gar nicht“. So ein bayerischer Gamsbart ist nämlich was Besonderes und „soviel wert wie ein Brillantring“. Für einen ausgesuchten Spitzenbart mit Medaille (das heißt, der Bart wurde auf einer Gamsbart-Olympiade prämiert) zahlen Liebhaber immerhin rund 5000 Mark. Ein stolzer Preis für ein Büschel Haar vom Rücken der Gemse! Aber, was dem einen der Krügerrand, das ist dem anderen der Bart am Hut.

Wie solch ein Hutschmuck nach allen Regeln der Tradition gebunden wird, hat Engelbert Birnbacher schon vor 30 Jahren gelernt – durch Zuschauen. Die Gamsbart-Binder-Tradition hat strenge Regeln: Dicht soll das Gebinde sein, aber nicht bürstig und schon gar nicht wie ein Rasierpinsel. Erst wenn ein Gamsbart halbkugelig auseinanderfällt, gereicht er der männlichen Tracht zur Zierde. Eine gleichmäßige Färbung der Haare versteht sich von selbst.

Das Schlimmste, was dem stolzen Träger des haarigen Kulturgutes passieren kann, ist die Erkenntnis, daß sein prächtiges Gebinde nicht von bayerischen Gemsen stammt, sondern von ausländischen Ziegen. Nur noch jeder zehnte Bart ist nämlich echt „Gams“. Während die Tiere rarer werden und die Haare damit teurer, wollen sich immer mehr Touristen die Trophäe an den Hut stecken. Die Trachtenbranche wußte Rat und importiert preiswertes Bergziegenhaar aus Neuseeland und dem Himalaya. „Gams-“ und Ziegenhaare ähneln sich so sehr, daß selbst erfahrene Bajuwaren und Jäger dem Import aufsitzen.

Andrea Hauner

Auskunft: Verkehrsamt, Kirchplatz 3, 8217 Grassau.