Flucht aus der Gegenwart:

Auch Heidelberg sucht den

Kitsch in der Architektur

Die Heidelberger Architekten haben für ihren Kölner Kollegen Joachim Schürmann „gekämpft wie die Löwen“ – nicht, wie einer von ihnen bekannte, weil ein Übermaß an Altruismus sich ihrer bemächtigt hätte, sondern weil sie sich ihrer Stadt schämten. Am vorigen Donnerstag hat sich der Gemeinderat mit siebzehn gegen elf Stimmen (und sieben Enthaltungen) trotzdem dafür entschieden, den momentan wichtigsten Neubau nach dem Entwurf der eigenen Behörde zu errichten und ihm kein modernes, sondern ein greisenhaftes, aber populäres Aussehen zu geben.

Tatsächlich hatte der Auftrag, den sich der Leiter der Hochbauabteilung, Scherrmann, von seinem Baudezernenten Korz (wohl nicht ungern) hat aufhalsen lassen, nicht geheißen, eine möglichst hervorragende, die Altstadtumgebung würdig und spannungsreich spiegelnde Architektur am Kornmarkt zu entwerfen, sondern einen „mehrheitsfähigen“ Entwurf zu liefern.

Der Bau, um den es geht, soll alsbald die Lücke füllen, die das zuletzt vom Stadtplanungsamt benutzte Hotel „Prinz Carl“ hinterlassen hat. Der Oberbürgermeister hatte das Gebäude, das anfangs restauriert und umgebaut werden sollte, 1978 abreißen lassen, weil es zu morsch war. Während er den sich neu eröffnenden Blick aufs Schloß pries, verlangten die Konservatoren zornig, den Platz wieder zu schließen, und zwar mit dem Bau einer Kopie (irgendwie 18. Jahrhundert): Das Denkmalschutzfieber hatte seine höchsten Temperaturen erreicht und sogar kluge Geister benommen gemacht. Die Stadt jedoch wollte nun einen Neubau und schrieb dafür sogar einen Wettbewerb aus. Das Ergebnis war kläglich, aber man gab nicht auf. Die drei dritten Preisträger wurden mit drei dazugeladenen Architekten neuerlich in die Konkurrenz geschickt. Die Jury fand darunter einen klaren Sieger: Joachim Schürmann.

Die Gemeinderäte wollten dann bald genauere Auskunft über manche Details. Der Architekt erlaubte sich, für diese Arbeit ein Honorar zu verlangen; es war den Stadtpolitikern viel zu, hoch. Seitdem steht der Kölner Architekt bei den Heidelberger Politikern in dem Ruf, habgierig, starrsinnig und unnahbar zu sein. Mag sein, daß er eine entgegenkommende Geste unterließ; die Aversion seiner Person gegenüber aber verwandelte sich unversehens in die Abneigung gegen seine Architektur; nun galt sie als zu modern und altstadtfremd.