Die Führer von KOR lassen sich nicht abschieben

Von Christian Schmidt-Häuer

Den Nobelpreisträger, der aus der Nässe kam, ließen die polnischen Behörden weiter im Regen stehen. Vergeblich begehrte Arbeiterführer Lech Walesa in durchweichtem Mantel Einlaß in den Verhandlungsraum des Warschauer Militärgerichts: „Ich weiche nicht. Ich werde notfalls hier ein Zelt aufstellen. Die da drinnen sind, soviel ich weiß, wegen Aktivitäten angeklagt, die ich geleitet habe.“

Die da drinnen, die vier intellektuellen Taufpaten der Solidarność Jacek Kurón (50), Adam Michnik: (38), Zbigniew Romaszewski (44) und Henryk Wujek (43) waren zuvor von einem grünen, geschlossenen Polizeiwagen mit Handschellen am Hintergang abgeliefert worden – „wie Brot an der Hotelküche“, kommentierte einer der zum Prozeß nicht zugelassenen westlichen Korrespondenten.

Was das Küchenkabinett der polnischen Generäle nach monatelangem Streit um das richtige Rezept jetzt seinen drei Militäranklägern eingebrockt hat, ist das schwerstverdauliche politische Gericht seit Mitte der fünfziger Jahre. Vor sieben Bänken mit rund 30 Zuhörern (wenigen Verwandten, ausgewählten polnischen Journalisten und Geheimdienstlern) ist ein Schauprozeß ohne Öffentlichkeit angelaufen. Der Führung geht es um den Schlußstrich unter den August 1980: die Kapitulation und Abschiebung der seit Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 (oder kurz darauf) verhafteten Gründungsväter des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR). Aber Jaruzelskis Männer wollten, anders als der dogmatische Flügel, den Schauprozeß vermeiden, um sich innen-, außen- und handelspolitisch nicht noch mehr zu isolieren. Die vier Angeklagten wiederum wollten Kompromisse und Kapitulation vermeiden – und bestanden deshalb auf einem Schauprozeß. Adam Michnik gab in einem seiner aus dem Warschauer Mokotow-Gefängnis geschmuggelten Briefe die Devise aus: „Das Verfahren kann uns nicht diskreditieren – aber sie.“

In der Tat hat offensichtlich selbst die Militärstaatsanwaltschaft seit längerem ihre Beweisnot erkannt. Das Material reicht nicht hin und nicht her, um die vier KOR-Führer wegen „Aktivitäten, welche die Gesellschaftsordnung mit Gewalt stürzen und die Verteidigungskraft der Volksrepublik durch einen Bruch der Bündniseinheit mit der Sowjetunion schwächen sollten“, zu verurteilen und bis zu zehn Jahren ins Gefängnis zu schicken.

So ist ein für die gemäßigten Führer inzwischen hochnotpeinlicher Prozeß in Gang gekommen: Vorher scheiterten alle Versuche, die KOR-Führer mit Hilfe des Episkopats zur Ausreise in den Westen oder zur inneren Emigration zu bewegen. Und mittlerweile scheint die Frist zu kurz geworden für eine schnelle und milde Verurteilung – wodurch die vier Solidarność- Berater wenigstens unter die Amnestie hätten fallen können, die jetzt für den 40. Jahrestag der kommunistischen Machtergreifung am 22. Juli erwartet wird. Diese zweite Lösung ist – wenn nicht in letzter Minute das Wunder des berühmten polnischen Kompromisses eintritt – am Widerstand der „Betonmenschen“ (dem dogmatischen Parteiflügel) gescheitert.