Von Christian Hacke

Es gibt nur wenige Ereignisse in der neueren deutschen Geschichte, die Epoche hätten machen können, aber Episode geblieben sind, wie der deutsche Widerstand gegen das Hitler-Regime. Immer wieder entglitt Hitler wie mit raubtierhaftem Instinkt den Fallen, die ihm gestellt wurden. Das Attentat vom 20. Juli 1944, auf das wir uns heute am 40. Jahrestag besinnen, stellt das Ende des organisierten Widerstandes gegen das Hitler-Regime dar, der im Attentat kulminieren mußte. Dabei waren dem 20. Juli 1944 eine lange Kette gescheiterter Putsch- oder Attentatsversuche vorangegangen. Der Dunstkreis der Regimekritiker war groß, die Zahl derjenigen, die alles wagten, blieb jedoch klein. Das Buch von

Romedio Galeazzo, Graf von Thun-Hohenstein: „Der Verschwörer. General Oster und die Militäropposition“; Verlag Severin & Siedler; Berlin 1982; 304 S., 39,80 DM (soeben als Taschenbuch erschienen: Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1984; 304 S., 12,80 DM)

beschreibt den Lebensweg eines mutigen Offiziers, der zu einer Schlüsselfigur des militärischen Widerstandes im Dritten Reich wurde. Hans Osters Lebenslauf ist zunächst zeittypisch: Anfangs war Oster beeindruckt und begrüßte die neue Politik von 1933, weil sie nationale Stärke versprach. Aber als Major in der Abwehr erhielt Oster eine ungewöhnlich intime Kenntnis der innenpolitischen Zwangsmaßnahmen, die anderen vorbehalten blieb. Fassungslos registrierte Oster deshalb die Untätigkeit der Reichswehrführung beim Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934, bei dem nicht nur SA-Führer liquidiert wurden (General von Fritsch: „Daß die SA von der SS erschossen wird, ist ja prächtig!“), sondern auch die Generäle von Schleicher und von Bredow.

Graf Thun-Hohenstein schildert, wie danach der Kirchenkampf, die Judenpogrome und die Fritsch-Affäre sowie der gesamte Prozeß der Gleichschaltung und Unterdrückung auf Oster und auf einen großen Teil der Wehrmacht gewirkt haben. Schärfer als andere erkannte Oster die herausragende Bedeutung des Versagens der Reichswehrführung im Juni 1934: Hitler konnte ohne Widerstand der Streitkräfte seine innenpolitische Stellung festigen und vor allem die Wehrmacht widerspruchslos an sich binden, ja sie auf sich persönlich vereidigen lassen.

Von da an wird Osters Biographie untypisch für den deutschen Offizier, denn diese Ereignisse drängten ihn zur Opposition. Zu seiner Enttäuschung mußte Oster feststellen, daß die Generalität in den dreißiger Jahren passiv blieb. Oster und seine Freunde, die sich um den Abwehrchef Canaris scharten, versuchten vergeblich, die Generäle von Kluge, Beck und Halder in der Fritsch-Affäre 1938 ein letztes Mal zur Aktion gegen die Gestapo zu drängen. Zu Recht erklärt der Verfasser: „Wäre Beck Anfang 1938 schon der entschiedene Gegner Hitlers gewesen, als der er in den folgenden Jahren die Führungsrolle innerhalb der Militäropposition übernahm, so hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Verlauf genommen.“ Halder sprach zwar vom „Blutsäufer“ und „Geisteskranken“, Brauchitsch machte zwei mannhafte Anläufe, Hitler zu widersprechen, aber „ein einziger Wutanfall Hitlers hatte“, so der Verfasser, „sämtliche Pläne wie eine Seifenblase platzen lassen“. Diese Haltung erscheint aus heutiger Sicht schwer verständlich, war aber Konsequenz einer Dienstauffassung, die General Beck folgendermaßen umschrieb: „Meuterei, Revolution. Diese Worte gibt es nicht im Lexikon eines deutschen Offiziers!“