Von Marlies Menge

Weibliche Botschafter sind nicht gerade eine Selbstverständlichkeit. Rozanne Ridgway, seit gut einem Jahr amerikanische Botschafterin in der DDR, gehört zu dieser exotischen Minderheit. Sie ist eine von fünf Botschafterinnen, die sich die Vereinigten Staaten zur Zeit leisten. 1953 gab die amerikanische Regierung den ersten beiden Frauen die Möglichkeit zu diplomatischer Emanzipation, eine von beiden war die bekannte Journalistin Claire Booth-Luce vom Time Magazin. „Seitdem hatte die USA vierzig weibliche Botschafterinnen“, weiß Rozanne Ridgway, „die meisten kamen aus dem diplomatischen Dienst.“ Doch auch so schillernde Vögel wie der ehemalige Kinderstar Shirley Temple zählten zu ihnen.

Rozanne Ridgway wirkt sehr selbstbewußt. Sie ist schmal und hochgewachsen, trägt ein elegantes Tweed-Kostüm, eine seidene Bluse und hochhackige Schuhe, hat die Haare kurzgeschnitten. Nein, sie gehöre zu keiner Frauenbewegung. Ihre dunklen Augen mustern mich amüsiert. Es sei keine Alternative, aus einer totalen Männerwelt eine totale Frauenwelt zu machen. „Früher haben sich nur Männer um die Armee und das Verteidigungsbudget gekümmert und die Frauen nur um die Familie und Kinder. Jetzt sollten sich Frauen auch um die Armee und Verteidigungsbudget kümmern, Männer auch um Küche und Kinder.“ Frage sie jemand, wie sie sich als weiblicher Botschafter fühle, antworte sie stets: Gar nicht. Allenfalls könne man sie fragen: Wie fühlen Sie sich als Botschafter? Und: Wie fühlen Sie sich als Frau?

„Ich bin nicht vor allem Frau, sondern ich bin aus Minnesota, bin Protestantin, aus einer Familie mit drei Kindern – das hat mich mehr geprägt als die Tatsache, daß ich eine Frau bin. Ich bin einfach mehr als ein weiblicher Körper. Ich komme aus einer bestimmten Tradition, habe auf einem kleinen College studiert, bin Mittelamerikanerin – das ist wichtiger.“ Niemand frage sie, wie sie irgend etwas als Frau sehe. „Ich hoffe, daß Washington zu meinen Berichten nicht sagt: Ach, das ist eine weibliche Betrachtungsweise. Man muß gut sein, das ist alles.“

In ihrem Büro stehen neben der Vitrine mit den Werken von Lincoln zwei Fahnen: links das Sternenbanner, rechts die Botschafter-Fahne. Auf einem Schrank sehe ich ein Photo, das Rozanne Ridgway neben Präsident Reagan zeigt. Wir sitzen in der Sitzecke, sie im Sessel, ich auf dem Sofa. Auf dem niedrigen Tisch steht ein Teller mit drei Keksen, sehr ordentlich arrangiert. Den Kaffee rührt Rozanne Ridgway nicht an. Sie will eigentlich nicht mehr rauchen. Während wir reden, zündet sie sich eine Zigarette an.

Seit 1975 ist sie Botschafterin. Schon als Kind hatte sie vor, in die Politik zu gehen. „Meine Familie hat viel Zeit am Abendbrottisch verbracht. Mein Vater war Republikaner, meine Mutter Demokratin, da gab es heiße Diskussionen. Ich lernte früh die Standpunkte beider Parteien kennen.“ Während der Studienzeit blieb sie bei den Eltern wohnen. Zunächst belegte sie politische Wissenschaften; dann hörte sie durch Zufall bei einem smarten Lehrer eine Vorlesung über Geschichte: „Er hat in zwanzig Minuten die ganze moderne Zivilisation erklärt.“ Sie war so fasziniert, daß sie sofort ihr Fach wechselte. Neun Tage nach Abschluß des Studiums ging sie nach Washington, gerade 21 Jahre alt. „Ich geh’ nach Washington“, sagte sie den Eltern, und die sagten: „Na fein, das ist gut für dich.“

Nein, sie habe nie das Gefühl gehabt, als Frau diskriminiert zu sein. „Vielleicht, weil ich mich nie minderwertiger gefühlt habe als meine beiden Brüder. Meine Eltern haben mich nie anders behandelt als sie. Wenn ich zum Beispiel Motorrad fahren wollte – gut, dann durfte ich Motorrad fahren. Ich bin die einzige von uns dreien, die studiert hat. Mein ältester Bruder wollte Lastwagenfahrer werden und ist es geworden, der zweite macht was mit Computern.“