Auf einer Leinwand namens Wasser hat Christo Blumen gemalt, die epischer sind als Monet es sich je hat träumen lassen – das schrieb im Mai 1983 Manuela Hoelterhoff in einem Bericht aus Miami Beach, wo gerade Christos jüngstes Projekt, die „Surrounded Islands“, aus der Taufe gehoben wurde. Dieser erfolgreichen Taufe, zu der die Biscayne Bay nicht nur das nasse Element, sondern auch den grünblau funkelnden Farbton beisteuerte, waren die immensen Komplikationen und Vorbereitungen vorausgegangen, die zwangsläufig zu jeder Aktion von Christo dazugehören. Allein das Aufzählen der zu erkämpfenden Genehmigungen, des Mitarbeiterstabs, der verschiedenen Materialien, des investierten Geldes (meist Millionenbeträge, die durch den Verkauf von vorbereitenden Skizzen zusammenkommen) und der Planungszeit eines solchen Projekts setzt immer wieder in Erstaunen und läßt meist auch diejenigen Kritiker verstummen, die Aktionskunst ohnehin für einen leichtfüßigen Ulk halten und sich für das Geld des Steuerzahlers immer so verantwortlich fühlen.

Elf kleine Inseln vor Miami also, die zu Beginn des Jahrhunderts beim Ausbaggern einer Fahrrinne aufgeschüttet und inzwischen vorwiegend als Müllkippen benutzt worden waren, wurden im Frühjahr 1983 von 400 Helfern zunächst von 40 000 Tonnen Müll befreit und dann mit 72 Segmenten – aus 600 000 Quadratmetern pinkfarbenen Stoffes in Maßarbeit geschneidert und zusammengenäht – in einer zu Wasser, zu Lande und von der Luft aus generalstabsmäßig durchgeführten Aktion umkränzt. Zwei Wochen lang waren die Aschenbrödel-Inselchen in rosa leuchtende, gigantische Seerosen verwandelt – dann war der schöne Spuk vorbei; nicht nur, weil das eigens für diese Aktion entworfene, schwimmfähige Material dann vom Salzwasser fast zerfressen war, sondern auch, weil diese Vernichtung geplant war, weil diese Dialektik von Aufwand und Vergänglichkeit zur Essenz von Christos Werk gehört. Genauso exakt wie der Aufbau eines Projekts vorbereitet wird, wird nachher auch Sorge dafür getragen, daß der Schauplatz in dem Zustand zurückbleibt, in dem man ihn angetroffen hat (manchmal sogar etwas besser). Was dann bleibt, sind Dokumentationen, Filme, Bücher, Photos, Ausstellungen der Vorbereitungszeichnungen, des im Photo festgehaltenen Ablaufs, der Souvenirs.

Eine solche Ausstellung ist jetzt in der Berliner Nationalgalerie zu sehen, und der Weg von der Entdeckung der im Schwarzweißphoto grauen, struppigen Inseln bis hin zu den großformatigen, bildartigen Glamourphotos der rosarot im dunklen Smaragdwasser schwimmenden „Surrounded Islands“ ist optisch und ausstellungsdramatisch brillant nachgezeichnet.

Aber Christos Ausstellungen sind ebensosehr ein Blick zurück – Souvenir, Erinnerung, Bewahrung – wie auch ein Blick nach vorn – Appell an Ungläubige, Überzeugungswerbung für das nächste Projekt. Und für die Berlin-Ausstellung (die später noch in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sein wird) trifft das in ganz besonderem Maße zu. Man zeigt die Inseln vor Miami, aber man meint den Reichstag in Berlin, dessen Verhüllung mit Kunststoffplanen seit 1976 ganz oben auf der Liste von Christos Desideraten steht.

Der Reichstag freilich ist nicht irgendein beliebiges Gebäude – sonst hätte Christo, der sich seine Hindernisse mal in der Geschichte, mal in der Kommunalpolitik, mal in der Natur, mal in der Technik sucht, sich auch nicht dafür interessiert. Dieser massiv Ehrfurcht heischende Gründerzeitbau von Paul Wallot steht an der Schnittkante zwischen Ost und West, ein paar Meter von der Berliner Mauer entfernt und mit ein paar vorkragenden Zentimetern sogar in Ost-Berlin. Für Christo, den gebürtigen Bulgaren, der nach seiner Studentenzeit über Paris nach New York emigrierte, ist diese Geographie – die leider zum stellvertretenden Politikum für die Ost-West-Konfrontation dieser Welt taugt – eine besondere Herausforderung. Daß der Reichstag dasjenige Gebäude ist, in dem die junge deutschen Republik ihren Anfang und, mit dem Reichstagsbrand von 1933, das Fanal ihres Endes erlebte, schafft eine zusätzliche Aura aus Verwundbarkeit und Ehrfurcht, Trauer und Hoffnung. Dieses Gebäude, das heute hauptsächlich für eine historische Dauerausstellung genutzt wird und in dem die Bundestagsfraktionen gelegentlich eine demonstrative Sitzung abhalten, ist immer noch, wie ein Faltblatt sagt, „Symbol für die deutsche Geschichte“, es wurde wiederaufgebaut in der Hoffnung, daß eines Tages „ein frei gewähltes deutsches Parlament wieder in ihm tagen kann“. Daß die (wechselnden) Politiker von Berlin bis Bonn die Entscheidung darüber, ob Christo dieses Gebäude für eine kurze Zeit verwandeln und damit seine Art von ästhetisch aufklärerischer Kunstpolitik lebendig werden lassen kann, nun schon jahrelang hinauszögern, ist für den Künstler bedauerlich (die Geschichte dieser Hinhaltung läßt sich in einem soeben erschienenen Büchlein „Christo – der Reichstag“ nachlesen); noch bedauerlicher ist allerdings, daß André Heller am Vorabend der Christo-Ausstellungseröffnung sein Millionen-Feuerwerkspektakel mit Schlagobers an genau dieser Stelle abgezogen hat. Der Reichstag als Kulisse für vagierende Adabeis, die wissen, wie sich aus einer Wunde Geld und Publicity schlagen läßt?

Gerade weil Christos Arbeit in einer anderen Dimension stattfindet, ist die Berliner Ausstellung für die (nun überfällige) Entscheidungsfindung in Sachen der Verhüllung des Reichstags wichtig (Neue Nationalgalerie bis 2. 9., Katalog 24 Mark; „Christo – der Reichstag“, hrsg. von Michael S. Cullen und Wolfgang Volz, Suhrkamp Taschenbuch st 960, 200 S., 18,– DM).

Petra Kipphoff