ARD, Donnerstag, 12. Juli, 20.18 Uhr: „Der verbrauchte Planet. Anmerkungen zur Lage des Homo Sapiens.“ Von Dagobert Lindlau

Ein Lehrfilm über den offenbar unausrottbaren Trieb der Spezies Mensch zu kollektivem Selbstmord. Ein Film von Dagobert Lindlau, der grauenerregende Bilder – verbrannte Wälder, verschlammte Seen, verstümmelte Kinder – durch nüchterne Statistiken konterkarierte. Pathos gepaart mit Präzision: hier tote Zonen, ausgelöschte Landstriche und zu riesigen Kloaken verkommene Städte, dort Graphiken, Zahlen und Daten. Jede Sekunde werden drei Menschen zuviel geboren; in einem Jahrhundert leben, wenn’s noch Leben gibt, elf Milliarden Menschen auf der Erde (jetzt viereinhalb) zusammengepfercht in Städten, wo vierzig Millionen Bewohner sich der Doppelgefanr von Anarchie und totaler Verwaltung, dem Chaos und einer bis zur Absurdität vervollkommneten Bürokratie werden stellen müssen.

Der verseuchte Baikal- und der von lila Schlamm bedrohte Biwa-See rückten ins Bild; nicaraguanische Steppen (made in USA), sibirische Industrielandschaften und amerikanische slums verwiesen sinnfällig auf die Konsequenzen einer systemübergreifenden Wacnstumsideologie. Ankläger und Opfer in Hülle und Fülle; Staatsanwälte zuhauf (Konrad Lorenz Seit an Seit mit Bernhard Grzimek: „Das Wachstum muß aufhören! Sofort! Sofort! Sofort!“), nur die Beschuldigten und ihre Verteidiger fehlten. Einzig ein amerikanischer Abgeordneter versuchte die Malaise zwischen Skylla und Charybdis, hier drohende Arbeitslosigkeit, dort absehbare Zerstörung der Welt, mit respektgebietender Offenheit zu beschreiben. Deutsch sprechende Politiker aus dem Kreis etablierter Parteien hingegen – nicht gefragt: Dagobert Lindlau war, wie es schien, zu taktvoll, um Apologeten des Wachstums und industrieabnängige Verkünder des unendlichen Fortschritts in einer endlichen Welt der Lächerlichkeit preiszugeben.

Eine einseitige und unausgewogene Sendung also – ausgerechnet aus Bayern? Mitnichten! Schließlich war neben dem liberalen Lindlau auch der erzkonservative Wolf Feller moderierend dabei: Der Moloch Ausgewogenheit wollte ein Opfer – einen homunculus namens Dagobert Feller alias Wolf Lindlau, zu dessen Ehre freilich gesagt werden muß, daß ihm solch öffentlich-rechtliches Ausgewogenheitsspiel denn doch ein wenig peinlich war.

Bilder und Zahlen, bezogen auf das eine Problem: Wie erklärt es sich, daß die Moral der Intellektualität hinterherhinkt, die Phantasie dem Verstand, die Fähigkeit sich zu erinnern der Unfähigkeit vorauszudenken? Und wie ist die Amoralität eines moralischen Anspruchs – Beispiel: katholische Kirche, Enzyklika humanae vitae – zu begreifen: wie die verwegene Entschlossenheit, um des vermeintlichen Wohls von einzelnen willen das höchst reale Heil der menschlichen Gesellschaft zu verspielen, dem Moloch Individuum die Existenz der Erdbevölkerung aufzuopfern? (Mao, erfuhr der Betrachter am Bildschirm, war weiser als die Päpste: Er lernte um und erkannte die Notwendigkeit künstlicher Geburtenbegrenzung.

Und auch der alte Indianerhäuptling, die grandioseste, wenngleich nur schemenhaft, aus historischer Distanz erkennbare Figur, war, so Lindlaus Fazit, weiser als alle Industrie-Lobbyisten, Fortschrittsideologen und höchst ehrenwerte Kardinäle zusammen: Der Mensch, so Häuptling Seattle, gehört der Erde und die Erde nicht ihm. Momos