Die versprengte Opposition sammelt sich zum Wahlkampf gegen Ronald Reagan

Von Dieter Buhl

San Francisco, im Juli

Als die resolute Versammlungsleiterin in der Begeisterung des Augenblicks von den „Strolchen“ spricht, die aus der Regierung verjagt werden müßten, huscht ein nur kurzes, vorsichtiges Lächeln über Walter Mondales Züge. Die Dame zu seiner Rechten hingegen lacht lange und herzhaft. Sie freut sich so unverhohlen, als sei ihr aus der Seele gesprochen. Geraldine Ferraro, die designierte Vize-Präsidentschaftskandidatin, liebt solche ungeschminkte Sprache. Sie weiß noch nicht, wie schnell allzu markige Sprüche im amerikanischen Wahlkampf zum Bumerang werden können.

Hoffnung und Zuversicht

Es ist erst wenige Tage her, seit die weitgehend unbekannte Abgeordnete aus dem New Yorker Stadtteil Queens den Sprung auf die nationale Bühne schaffte. Jetzt steht sie vor ein paar tausend Menschen an einer Straßenecke in San Francisco neben dem Mann, der ihr den Durchbruch ermöglichte. Doch es scheint, als sei nicht er, sondern sie die Hauptperson. Sie wird bestaunt und bewundert, vor allem auf sie, auf die Frau mit dem hübschen, energischen Gesicht und der makellosen Frisur haben die Zuschauer in der drückenden Mittagshitze gewartet. Jedesmal, wenn ihr Name fällt, braust der Beifall auf. Und schon der erste Auftritt des gemischten Kandidaten-Duos bestätigt die Erwartung: Amerikas Politik hat eine neue Attraktion. Noch hat Geraldine Ferraro nicht viel zu sagen. Wie schwer es ist, den mitreißenden, wahlkämpferischen Ton zu finden, bewies ein paar Minuten zuvor auch ihr Mentor mit ein paar dürren Sätzen. Aber das Thema klingt schon an, in dem die New Yorkerin in den nächsten Monaten Widerhall finden könnte. Als „Tochter eines Einwanderers, die das zweithöchste Amt im Staat erringen will“, und die ihre Nominierung ein Zeichen „der Hoffnung und Zuversicht“ nennt, wird sie auf mindestens ebensoviel Interesse stoßen wie die Männer, die in diesem Kampf ums Präsidentenamt antreten.

Amerikas Geschichte der unbegrenzten Möglichkeiten hat ein neues Kapitel bekommen. Diesmal wird es nicht von einem Mann geschrieben. Schon hat die Frau an Mondales Seite Wirkung erzielt: Ihre Berufung hat das geradlinige, oft matte Erscheinungsbild des ehemaligen Vizepräsidenten aufgemöbelt. Lange stand er in dem Ruf, zu bedächtig und vorsichtig zu sein. Jetzt war er es, der den zwei Jahrhunderten amerikanischer Geschichte ein Ende setzte, in denen für alle großen Parteien die Bewerbung ums Präsidentenamt reine Männersache war.