Gedanken zum 20. Juli 1944

Von Marion Gräfin Dönhoff

Unsere Bewunderung gilt heute nicht mehr siegreichen Feldherren, erfolgreichen Eroberern oder großen Entdeckern, wie denn überhaupt Heldenverehrung in unserer desillusionierten Welt reichlich überständig wirkt. Aber wenn man noch auf etwas stolz sein kann, so auf jene, die am 20. Juli 1944 dem Verbrechertum ein Ende setzen wollten, das im deutschen Namen unser Land regierte und die Welt verwüstete.

Wie ein Rattenfänger hatte Hitler jahrelang die johlenden, beifallklatschenden Massen hinter sich hergezogen, Länder erobernd, Städte zerstörend. Eine nicht endende Kette von Massengräbern, Kreuzen und Konzentrationslagern säumte seinen Weg bis hin zu dem Abgrund, in dem schließlich alles versank.

Jener 20. Juli war keine politische Revolte im üblichen Sinne und auch keine soziale Revolution. Es war vielmehr ein Aufstand hoher Beamter, höchster Offiziere und angesehener Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich aus moralischen Gründen verpflichtet fühlten, den Verbrechern Einhalt zu gebieten. Insgesamt sind nach diesem Schicksalstag etwa 200 Personen hingerichtet oder in den Tod getrieben worden, darunter 21 Generale, 33 Obersten und Oberstleutnants, 2 Botschafter, 7 Diplomaten, ein Minister, 3 Staatssekretäre und der Chef der Reichskriminalpolizei, ferner mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten, Regierungspräsidenten.

Warum hat denn der 20. Juli nicht zehn Jahre früher stattgefunden, lautet eine häufig gestellte Frage. Oder, noch naiver: Warum habt ihr damals nicht protestiert? Für den, der jene Zeit miterlebt hat, sind diese Fragen leicht zu beantworten. Aus zwei Gründen kam der Aufstand des Gewissens so spät: zum einen wegen Hitlers Terror, zum anderen wegen Hitlers Erfolgen.

Zum Thema Terror: Mit unglaublicher Geschwindigkeit war es Hitler gelungen, in wenigen Monaten die absolute Macht an sich zu bringen. Am 30. Januar 1933, als Hindenburg ihn zum Kanzler ernannte, hatte er noch geschworen: „Ich werde meine Kraft für das Wohl des deutschen Volkes einsetzen, die Verfassung und die Gesetze des Reiches wahren, die mir obliegenden Pflichten gewissenhaft erfüllen und meine Geschäfte unparteiisch und gerecht gegen jedermann führen.“