Die Schuldenbombe: Anstoß für ein besseres Nord-Süd-Verhältnis

Von Christoph Bertram

In Lateinamerika wird eine Herausforderung sichtbar, die für die Zukunft der westlichen Welt und das Verhältnis zwischen Nord und Süd entscheidend werden kann: die Herausforderung der Schuldner im Süden an die Gläubiger im Norden. Der Bundeskanzler hätte denn zu keinem besseren Zeitpunkt nach Argentinien und Mexiko fahren können. Hat er aber die richtigen Einsichten mit nach Hause gebracht, wie die Schuldenbombe entschärft werden kann?

Bisher haben die Staatsmänner das drängende Schuldenproblem der Dritten Welt den Finanziers überlassen – den Banken und dem Internationalen Währungsfonds. Das ging auch lange gut. Nach der Explosion der Ölpreise zu Beginn der siebziger Jahre brauchten die Entwicklungsländer Geld, um sich trotz der Teuerung über Wasser zu halten, und die Banken gaben großzügig Kredit: Sie benutzten die Milliardeneinlagen der Opec-Länder, um den Ölschock für die Dritte Welt abzufedern. Heute stehen die Entwicklungsländer mit rund 700 Milliarden Dollar bei Banken und Finanzinstituten des Westens in der Kreide. Auf Lateinamerika entfällt heute allein die Hälfte dieses Mammutbetrages.

Die Seifenblase platzte im August 1982, als das ölreiche Mexiko seinen Schuldendienst einstellte. Das Land hatte fast neunzig Milliarden Dollar an Krediten aufgenommen – leichtfertig beantragt und ebenso leichtfertig gewährt, weil die Regierung und deren Gläubiger irrtümlich darauf vertrauten, der Ölpreis werde immer weiter ansteigen. Plötzlich wurde den Bankiers damals klar, daß sie in Mexiko wie anderswo in der Dritten Welt ihr Kreditgeschäft eher auf das Streben nach raschem Profit als auf nüchterne Analyse gegründet hatten. Seither haben sich die großen Banken hinter dem Internationalen Währungsfonds zusammengeschart. Der Fonds macht den Ländern, die neue Kredite haben wollen, strenge Auflagen, die vor allem die Zahlungsbilanz verbessern sollen: Bekämpfung der Inflation, drastische Kürzung der Staatsausgaben, weniger Importe, mehr Exporte. Nur wenn der Fonds grünes Licht gibt, machen auch die privaten Geschäftsbanken wieder frisches Geld locker.

Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, daß dieses Krisenmanagement der Bankiers auf Sand gebaut ist. Es läuft auf geduldete, ja geförderte Wechselreiterei hinaus. In Wahrheit jedoch wissen weder die Gläubigerländer noch die Schuldnerländer, wie die ausstehenden Riesensummen je zurückgezahlt werden sollen. Die wirtschaftliche Lage der meisten lateinamerikanischen Staaten ist katastrophal, die Inflation galoppiert, die hohen Dollarzinsen saugen nach wir vor Geld in die Vereinigten Staaten ab und die Exporterlöse reichen allenfalls für die Zinsen, nie aber für die Tilgung der Schulden. Selbst optimistische Analysen enthalten die Voraussage, daß die Verschuldung Lateinamerikas in den nächsten fünf Jahren noch einmal um zwanzig Prozent steigen wird. Die zweifelhaften Verbindlichkeiten, die faulen Kredite in den Bankbilanzen nehmen weiter zu. Das jüngste Anziehen der Dollarzinsen hat die fälligen Summen ein weiteres Mal erhöht – um fünf Milliarden Dollar.

Die Verschuldung der Dritten Welt ist längst nicht mehr nur ein finanzielles, sondern ein politisches Problem. Für die Schuldnerländer geht es um das eigene Überleben, für die Gläubigerstaaten um die Zukunft des ganzen Systems westlicher Zusammenarbeit.