Von Leo Kreutzer

Die teuerste Ware auf dem Weltmarkt ist nicht Gold noch Diamant, sondern Kultur.“ Der Satz aus einer Erzählung des nigerianischen Schriftstellers Obi Egbuna wird verwirrend plausibel, wenn wir unter Kultur Lebensverhältnisse verstehen, gesellschaftliche Prägungen. Wenn wir ihn so verstehen: Das größte Export-Volumen erzielt der Export von Lebensverhältnissen, ein Transfer jeder Art von Techniken, mit denen Gesellschaften die spezifischen Herausforderungen ihrer physischen Umwelt meistern, mit deren Hilfe sie ihr Zusammenleben organisieren, sei es auch als Auseinanderleben.

Jeder Exporteur ist mithin ein Kulturschaffender, erst recht, wenn er mit seinem Artikel jene Grenze überschreitet, welche industriekulturelle Gesellschaften von den sogenannten Entwicklungsländern trennt. Kein Zufall also, wenn eine derartige Einsicht sich einem Afrikaner aufdrängt, der durchschaut, daß seinem Kontinent mit jedem Artikel, der hereinkommt, in Wirklichkeit eine Kultur angedreht wird; und daß es das ist, was auf die Dauer so ruinös teuer kommt.

Für uns Kulturschaffende, wie wir uns nun einmal zu verstehen gelernt haben, ist es ziemlich ernüchternd, wenn aus solcher Perspektive klargestellt wird, daß wir jenseits der Grenze zur sogenannten Dritten Welt diesen schönen Titel mit Kaufleuten zu teilen haben, deren Interessen – wie wir immer versichern – uns fernliegen. Eine wohltuend nach geistigen und materiellen Gütern unterscheidende Notierung des Angebots scheint jenseits dieser Grenze nicht zu gelten.

Was hingegen den bundesrepublikanischen Blickwinkel betrifft, so begünstigt der entschieden die Ansicht, ein Export von Kultur finde in dem Maße statt, wie eben Kuturelles exportiert werde, Kultur „als solche“. Zu diesem Zweck hält die Bundesrepublik sich denn auch ein eigenes Ressort, ihre auswärtige Kulturpolitik. Sie ist organisierend und subventionierend zuständig, insbesondere für die Ausfuhr unserer Sprache. Ein schwieriges Geschäft, denn dieser Artikel gehört bekanntlich nicht zu den Export-Schlagern heimischer Produktion.

Ich möchte hier auf eine Region zu sprechen kommen, in der das Geschäft aber nachgerade bedenklich floriert. Seit dem Ende der 60er Jahre fördert die Bundesrepublik über verschiedene Mittlerorganisationen (DAAD, Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Goethe-Institut) einen Deutschunterricht in Ländern des frankophonen Afrika und die Ausbildung afrikanischer Deutschlehrer an den Universitäten dieser Länder. Ein Bedarf an derartiger Entwicklungshilfe ergab sich aus einem lupenrein kolonialen Zusammenhang. Die französische Kolonialmacht, diese Länder, wie es bei Abiturfeiern immer so schön heißt, in die Unabhängigkeit entlassend, vermachte ihnen ihr Schulsystem, und dort ist zweite Fremdsprache nun einmal die Sprache des Nachbarlandes. Nicht unbegründet also. Was man im Falle afrikanischer Staaten ja nun wirklich nicht ohne weiteres voraussetzen konnte.

Ich stelle mir also vor, es hat sich so zugetragen: Die Afrikaner, das fragwürdige Erbe des Kolonialismus sichtend, haben sich gedacht, die Deutschen freuen sich, wenn wir ihnen zu verstehen geben, wir möchten, am Deutschunterricht der französischen Kolonialzeit festhalten; und bei uns hat man sich gedacht, die Afrikaner freuen sich, wenn wir ihnen dabei helfen. Eine freundliche Unterstellung, und Kultur-Export ist ja in der Tat seit jeher eine Domäne der Diplomatie, der Bereitschaft von Auswärtigen Ämtern zu wohlkalkuliert freundlichen Gesten. Zwei Unterstellungen eigentlich, die einander blind gefunden haben. Und nun, da die Folgen sich als erheblich erweisen, da man mittlerweile hüben ein beträchtliches Förderungsvolumen und drüben einen ausgedehnten Deutschunterrichts- und Germanistik-Betrieb am Halse hat, tappen „alle Beteiligten etwas im dunkeln.