Von Margrit Gerste

Bonn, im Juli

Wie bei der Diskussion um die Reform der Reform des Scheidungsrechts geistert durch den heftig wogenden Streit um den Paragraphen 218 das Zerrbild von einer Frau: Dort ist es die kleine Sekretärin, die nach ein paar Ehejahren mit ihrem Chef nun lebenslänglich Unterhalt fordert, um den kurz genossenen hohen Lebensstandard ewig zu genießen; hier ist es die leichtfertige Person, die ohne Unrechtsbewußtsein ein Kind abtreibt, weil sie pflichtvergessen von „familienfeindlicher Selbstverwirklichung und falsch verstandener Emanzipation“ träumt.

Ulf Fink, CDU-Senator für Soziales in Berlin, findet dies „gespenstisch, die Frauen treiben doch nicht gern ab“. An der Integrität von PRO FAMILIA, jener Organisation, die schwangere Frauen berät, hat er seine Zweifel. Heiner Geißler, sein Kollege in Bonn, hatte PRO FAMILIA beschuldigt, ratsuchenden Frauen die Hilfe aus seiner Stiftung Mutter und Kind – zum Schutz des ungeborenen Lebens gesetzwidrig vorenthalten zu wollen und die Bundesländer aufgerufen, PRO FAMILIA das Geld zu sperren. Ulf Fink sieht keinen Anlaß für derlei Aktionen, hält das ganze für ein Mißverständnis. Und was die Kontroverse um den Paragraphen 218 in seiner Partei betrifft, so beruhigt er: „Wir sind eine große Volkspartei, in der viele Kräfte wirken, aber letztlich eine klare Mehrheit gegen eine strafrechtliche Verschärfung des 218 ist.“

In der Tat, in der Union wirken viele Kräfte, und kein anderes politisches Thema ist so umstritten. Erstaunlich ist die Toleranz der CDU-Führung, mit der sie dem innerparteilichen Streit freien Lauf läßt. Regierung und Mehrheit beteuern, den Paragraphen nicht antasten zu wollen – aber 74 Abgeordnete dürfen einen Gesetzentwurf einbringen, der seine Intention ad absurdum führt, indem er den Krankenkassen verbieten will, die Kosten für die Abtreibungen, die auf Grund einer schweren Notlage vorgenommen werden, zu tragen.

Ingrid Roitzsch, Abgeordnete aus dem hohen Norden, aus Schleswig-Holstein, – sie ist übrigens voll des Lobes für die Arbeit der dortigen PRO FAMILIA – bekämpft in geschlossener Formation mit 18 Kolleginnen ihrer Fraktion dieses Männeranliegen: „Landen die Frauen, denen die Mittel zu einer Abtreibung fehlen, nicht wieder beim Kurpfuscher? Wer dies will, macht sich schuldig, schuldig womöglich auch am Tod von solchen Frauen.“

Die Reform zurückdrehen? „Nicht mit mir“, sagt Ingrid Roitzsch. Sie will auch nicht, anders als der familienpolitische Sprecher der CDU, Hermann Kroll-Schlüter, darüber nachdenken, ob der Begriff der „Notlage“ nicht gesetzlich definiert werden sollte: „Eine Notlage ist etwas subjektiv Empfundenes, ich möchte nicht den Richter spielen.“ Für ihre Position findet Ingrid Roitzsch viel Zuspruch bei ihrer nördlichen Klientel Aus den südlicheren Regionen aber kommen haßerfüllte Briefe auf ihren Schreibtisch. Ihre Mitstreiterin, Renate Hellwig – sie vertritt einen rheinland-pfälzischen Wahlkreis – mußte für ihren Einsatz büßen: Sie wurde nicht als Delegierte zum Bundesparteitag entsandt.