„,Ich kämpfe um Rechte, die mir sowieso zustehen. Meine Besuchszeit ist überwacht und beträgt eine halbe Stunde pro Woche. Ich darf nicht telephonieren und bin dreiundzwanzigeinhalb Stunden pro Tag in meiner Zelle eingeschlossen.‘ Harald Naegeli beschwerte sich über diesen Untersuchungshäftlings-Status. Das Bundesgericht verlangte für das Entgegennehmen seiner Beschwerde siebenhundert Franken. Ohne Vorauszahlung war es zu keinen Diensten bereit... Die Justizdirektion weiß ... wie man einen Intellektuellen trifft. Sie schickt ihm unterschriftslose Briefe und redet ihn dabei in der dritten Person an: ‚Er ist selbst schuld.‘ ... Als wäre er nicht ansprechenswürdig, und die Entscheidung müßte einer anderen, zuständigeren Person plausibel gemacht werden: Sprache als Gewalt... Richter Portmann hatte in der Urteilsbegründung mit besonderem, gewissermaßen speichelsprühendem Genuß gesagt: ‚Er hat mit seinen Kritzeleien eines Kindergartenschülers, der in seinen besten Werken das Niveau eines Sechskläßlers erreicht, mit beispielloser Härte und Rücksichtslosigkeit den Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums erschüttert.‘ ... Selbst wenn es für die einzelnen Härten einen triftigen juristischen Grund gäbe – für alle Maßnahmen zusammen gibt es keinen. Das sind: ein ,Unbedingt‘ für einen Ersttäter, das Aufspüren eines Sachbeschädigers in der ganzen Welt (allein der internationale Haftbefehl hat die Schweiz 30 000 Franken gekostet), das Nichtanrechnen der zwanzigtägigen Lübecker Haft an die Gefängnisstrafe, die Isolationshaft in einem Untersuchungsgefängnis und das Vorenthalten der offenen Strafanstalt Saxerriet für Ersttäter... Glaubt man an den Sinn der Gefängnisstrafe, nämlich Besserung und Sühne, dann ist noch nie eine sinnlosere Strafe abgesessen worden.“

Margrit Sprecher über ihren Besuch bei dem „Sprayer von Zürich“, Harald Naegeli, im Gefängnis (Weltwoche, 5. Juli).

Treulose Leser

„Wir möchten jede Anbiederung an den Leser vermeiden“, hatte Hans Magnus Enzensberger in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 39/1980) beim Stapellauf des neuen Luxusliners unter den Kulturzeitschriften, Transatlantik, noch frohgemut geflötet. Was Enzensberger übersehen wollte: Der Leser hat es nun mal gern etwas bieder. Von den 150 000 Exemplaren der Startauflage 1979 blieben im Frühjahr dieses Jahres nicht einmal mehr 50 000, die verkauft wurden. „Treue Leser haben wir nie gehabt“, sagt einer der letzten beiden Redakteure, Werner Schmidmaier, resigniert. Die Kapitäne Enzensberger und Salvatore sind lange schon von Bord, „die Anzeigenkunden können Sie an zehn Fingern aufzählen“, vier Millionen Mark an Subventionen vom New Mag-Verlag (lui, Photo) sind inzwischen durch den Schornstein, und der Kurs des Geisterdampfers scheint seit geraumer Zeit klar zu sein: Konkurs. Um ihn dennoch abzuwenden, hat sich der Verlag nun entschlossen, Transatlantik nur noch alle drei Monate, als „Themenheft“, auf die Reise zu schicken. Ob das gut geht? Treue Leser, in die Rettungsringe!

Museum zum Raten

Es war ein weiter Weg von der kurfürstlichbrandenburgischen Antikenkammer zum Berliner Ägyptischen Museum heutiger Prägung. 1828 eigenständig geworden, spiegelt es die Geschichte vom Kuriositätenkabinett zur wissenschaftlichen Sammlungsstätte – und mehr. Denn Museen sind längst nicht mehr auf ihr Fachpublikum beschränkt, sondern wichtige Einrichtungen der Freizeit- und Tourismusindustrie geworden. Der Massenandrang bleibt nicht ohne Folgen. Wo Reisegruppen wegen des einen weltberühmten Objekts Kommen und den Rest nur eben so mitnehmen, ist intensive Beschäftigung kaum zu erwarten. Naosstele? Hm. Uschebti? Soso. Nofretete? Da ist sie ja! Das Ägyptische Museum, nach einjährigem Umbau wirklich edel anzuschauen, will die Besucher jetzt „wieder sehen lehren“ und läßt deshalb die Beschriftung am Objekt weg. Wer will, kann sich abseits auf Lesepulten unterrichten. Die Ausstellungsstücke selbst sind in gänzlich verdunkelten anthrazitfarbenen Räumen effektvoll durch Punktstrahler erhellt. Das Gebäude, eine der beiden 1859 von Friedrich August von Stüler errichteten klassizistischen Gardes-du-Corps-Kasernen gegenüber dem Charlottenburger Schloß, ist von innen nur noch für Kenner erfahrbar, die die Ton in Ton gehaltenen Jalousien hinter den – aus Sicherheitsgründen stahlblechgefüllten – Fensterrahmen goutieren. Der Bezug zum Schloß ist verloren; die denkmalpflegerische Forderung, ein Gebäude im Einklang mit seiner ursprünglichen baulichen Bestimmung zu nutzen, bleibt auf der Strecke.

Deutsche im Ausland