Reihenweise schworen an den Pranger gestellte „Piduisti“ hoch und heilig, Licio Gelb überhaupt nicht zu kennen. Das auflagenstärkste Tagblatt des Landes, der Corriere della Sera, öffnete für angeschwärzte Prominente bereitwillig seine Spalten, um ihre P 2-Zugehörigkeit in Abrede zu stellen. Bruderschaft verpflichtet: Verleger Angelo Rizzoli (P 2-Nummer 1632), Herausgeber Franco di Bella, der Generalbevollmächtigte Bruno Tassan Din und mehrere Redakteure des Corriere standen in Gellis Liste. Seit 1981 haben von 671 richterlich befragten P 2-Mitgliedern lediglich 235 bestritten, der Geheimloge anzugehören. Der P 2-Untersuchungsausschuß hat allerdings Beweise dafür, daß von diesen 235 mindestens 116 nicht die Wahrheit sagten – fast durchweg, Politiker.

Die Riege der hohen P 2-Militärs wurde vom Verteidigungsminister auf Urlaub geschickt und vorsichtshalber von Nato-Sitzungen ferngehalten. Einige der schwarzen Schafe räumten reuig ihre Sessel, andere – zumal in der Justiz – wurden disziplinarisch belangt, gerügt, versetzt oder pensioniert. Forlanis Nachfolger im Palazzo Chigi, der Republikaner Giovanni Spadolini, berief neue Köpfe an die Spitze der Streitkräfte, der Geheimdienste und der Finanzpolizei und ließ die Loge gesetzlich verbieten. Im September 1981 wurde schließlich Tina Anselmis parlamentarischer Untersuchungsausschuß beauftragt, Licht in die Affäre zu bringen.

Jene Logenbrüder, die diesen Reinigungsgang überstanden hatten, konnten erst einmal aufatmen. In Verwaltung und Behörde blieb alles beim alten; voriges Jahr wurde in Rom ein Verfahren gegen 200 P 2-Beamte stillschweigend eingestellt: „Die Zugehörigkeit zur P 2 ist kein Delikt.“ Ganz und gar aus der Affäre gestohlen hatten sich damals – bis auf den Sozialisten Fabrizio Cicchitto – alle Politiker: Pietro Longo brachte es dank Bettino Craxi im Sommer vergangenen Jahres gar noch zum Kabinettsmitglied.

In Italien ist man einiges gewöhnt. Daß jemand – und sei er von noch so durchtriebener Bonhomie wie Gelli – die Stützen der Gesellschaft und ihre Schwächen kennt und dadurch Einfluß hat... nun gut, Beziehungen braucht jeder. Doch diesmal glaubte niemand, mit der P 2 sei nur ein im Grunde harmloses, überparteiliches Frühstückskartell aufgeflogen. „Wenn man es in den siebziger Jahren in Italien zu etwas bringen wollte, dann ging das am besten über Gelli“, beichtete denn auch Chicchitto, der einzige reuige P 2-Mann.

Die Loge half nicht nur auf dem Weg nach oben, sie verbrüderte auch die dicksten Finanzhaie und windigsten Kleptokraten mit den Generälen der Finanzpolizei und den höchsten Justizbeamten. Und da ging es nicht nur um irgendwelchen rituellen Hokuspokus.

Spuren nahezu aller großen Finanzskandale und politischen Machenschaften der letzten fünfzehn Jahre laufen bei Gellis Logenbrüdern zusammen. Die spektakulärsten Bankpleiten gehen auf das Konto der P 2-Finanziers Michele Sindona und Roberti Calvi. Die Einfädler und Nutznießer zweier gigantischer „Erdölskandale“ hatten außer ihrer Raffgier vor allem eines gemeinsam: die P 2-Ausweise. Zwei Untersuchungsrichter und ein Journalist, die ihre Nasen zu weit in die anrüchigen Geschäfte von Logenbrüdern gesteckt hatten, wurden ermordet.

Nicht nur im Kampf ums große Geld zog Gelli (in guter Laune bezeichnete er sich selber als „burattinaio“, als Marionettenspieler) die Fäden. Putschpläne faschistischer Eiferer in den frühen siebziger Jahren und Terrorakte ultrarechter Attentäter fanden Gellis wohlwollende Zustimmung. Als 1976 eine Machtbeteiligung der Kommunisten in Italien nahe schien, propagierte der „Ehrwürdige Meister“ als rettenden Plan, das Land mit gekaufen Politikern, Richtern und Journalisten in eine Act zentralistisches Rotarier-Reich umzugestalten.